

Synopsis
Ylva Marenfels restauriert in einem kalten Lübecker Atelier alte Handschriften und hält die Welt mit Handschuhen auf Abstand. Jede Berührung überflutet sie mit den schmerzhaftesten Erinnerungen anderer Menschen. Als sie in einem beschädigten Pergament pulsierende Silberrunen freilegt, dringen bewaffnete Männer in ihr Atelier ein. Mit ihnen kommt Corvin Eisengrimm: ein schweigsamer Vollstrecker, der das Manuskript vernichten und eigentlich auch Ylva zum Schweigen bringen soll. Stattdessen tötet er ihre Angreifer und bietet ihr wortlos die Hand. Auf der Flucht entdeckt Ylva das Unmögliche – ausgerechnet die Berührung dieses tödlichen Wolfs bringt keine fremden Schreie, sondern Stille. Doch Corvins Blut, sein Rudel und der Eid, der ihn kontrolliert, führen direkt zu dem Geheimnis, das in Ylvas eigener Erinnerung verborgen liegt.
Kapitel 1 :Die Runen im Pergament
Der Novemberregen schlug wie eine Handvoll Splitter gegen das schräge Dachfenster. Ylva blinzelte die brennende Müdigkeit aus den Augen. Staub tanzte im fahlen Licht der alten Schreibtischlampe, das einzige Lebenszeichen in der ansonsten toten, verregneten Nacht. Der Geruch von altem Papier, kaltem Schwarztee und ätzendem Lösungsmittel hing schwer in der feuchten Luft des Ateliers. Lübeck ertrank draußen in der Dunkelheit, in einem Labyrinth aus schwarz glänzendem Kopfsteinpflaster und mittelalterlichen Gängen, doch hier drinnen herrschte absolute Kontrolle.
Ylva zog die Kanten ihrer übergroßen, dicken Wollstrickjacke enger um ihre Schultern. Die Kälte kroch gnadenlos aus den feuchten Backsteinwänden. Sie rieb sich den Nacken. Die Muskeln fühlten sich an wie gespanntes Drahtseil. Mit in fingerlose Handschuhe gehüllten Händen griff sie nach dem Skalpell.
Präzision. Keine Fehler. Keine Ablenkung.
Das verwitterte Pergament lag auf dem Leuchttisch vor ihr wie ein geduldiger, stummer Patient. Tjark hatte es ihr gestern Abend vorbeigebracht. Der alte Buchhändler hatte dabei ununterbrochen auf seinem Nikotinkaugummi herumgekaut und vermieden, ihr in die Augen zu sehen. *Ein Routinejob*, hatte er gemurmelt, *nur eine oberflächliche Reinigung und Übersetzung der Randnotizen. Zahlt gut.* Ylva brauchte das Geld. Die Miete für den schiefen Dachboden im Gängeviertel war seit zwei Wochen überfällig.
Sie tauchte einen feinen Pinsel in das Glas mit der chemischen Lösung und strich eine winzige Menge über den verkrusteten Schmutz in der Mitte des Dokuments. Ein leises Zischen erfüllte den Raum. Die oberste, jahrhundertealte Schicht aus Dreck und getrocknetem Talg löste sich auf.
Ylva beugte sich vor, kniff die sturmgrauen Augen zusammen. Die Tinte darunter war nicht verblasst. Sie war frisch. Und sie schien zu pulsieren.
Ein aschfahles Leuchten fraß sich durch das Pergament direkt in ihre Netzhaut. Runen. Scharfkantig, brutal und in einer Sprache verfasst, die ihr akademischer Verstand nicht greifen konnte, ihr Blut jedoch sofort erkannte.
Ein plötzlicher, reißender Schmerz explodierte hinter ihrer Stirn.
Die Wände des Ateliers verschwanden. Der Geruch nach Tee und Staub wurde brutal ausgelöscht. Eisige Kälte riss an ihrer Lunge. Schnee. Tief, endlos und getränkt von kochend heißem, frischem Blut. Das markerschütternde Jaulen von Wölfen zerriss die Stille. Es war kein normales Tiergeräusch – es war ein Schrei voller Agonie, Verrat und Todesangst. Vor ihrem inneren Auge blitzen aufgerissene Kehlen auf, dampfende Körper im Schnee und bernsteinfarbene Augen, die vor Grausamkeit leuchteten. Der metallische Geschmack von Blut flutete ihren Mund.
Ylva riss den Kopf mit einem erstickten Keuchen zurück. Der Holzstuhl kippte nach hinten. Sie prallte hart gegen die nackten Holzdielen und rang verzweifelt nach Luft.
Ihr Herz hämmerte schmerzhaft gegen die Rippen. Der Kokon war gerissen. Die Vision pochte wie Gift in ihren Schläfen. Keine Berührung mit Menschen, das war ihre eiserne Regel. Jeder Hautkontakt riss sie in die Abgründe fremder Erinnerungen. Doch dieses verdammte Manuskript brauchte keinen Hautkontakt. Es blutete seine uralte Gewalt direkt in ihren Verstand.
Das schrille, mechanische Klingeln ihres alten Festnetztelefons schnitt durch die klaustrophobische Stille des Ateliers.
Ylva schrak zusammen, die Augen aufgerissen. Sie starrte auf das blinkende Licht des Apparats auf dem Nebentisch. Drei Uhr nachts. Niemand rief sie um diese Uhrzeit an. Ihre Hände zitterten leicht, als sie sich vom Boden hochdrückte. Die Knie waren weich wie Gummi, der Geschmack von Blut klebte noch immer auf ihrer Zunge. Sie wischte sich über den Mund, atmete tief durch und nahm den Hörer ab.
„Ja?“ Ihre Stimme klang kratzig, als hätte sie wochenlang nicht gesprochen.
„Ylva.“ Tjarks Stimme. Kein gewohntes, geschäftsmäßiges Geplänkel. Es war ein gehetztes, nacktes Keuchen. Im Hintergrund hörte sie das feuchte Schmatzen seines Kaugummis, extrem schnell, extrem unruhig. „Ylva, bitte...“
„Tjark? Was ist los?“ Sie lehnte sich gegen den Tisch, der Blick fixierte unweigerlich das Pergament, das im schwachen Licht der Lampe lauerte.
„Sag mir, dass du die Runen noch nicht gelesen hast.“ Die Panik in seinen Worten überschlug sich, seine Stimme brach. „Hast du den Namen gesehen? Ylva, antworte mir!“
Ylva schwieg. Die Kälte in ihren Gliedern verwandelte sich augenblicklich in eine eiskalte, kristallklare Wachsamkeit. Ihr Verstand, über Jahre darauf trainiert, sich in einer feindseligen Welt unsichtbar zu machen, fügte die Teile blitzschnell zusammen. Die unnatürliche Eile, mit der Tjark ihr das Pergament gebracht hatte. Der ungewöhnlich hohe Vorschuss, den er ihr bar auf den Tisch geblättert hatte. Und nun diese flehende Todesangst.
Die Warnsysteme in ihrem Körper schrien auf. Er wusste, was das für ein Text war. Er hatte sie als unwissenden Filter benutzt.
„Ich bin noch nicht so weit“, sagte sie. Ihre Stimme war vollkommen ruhig, abweisend und glatt. Eine überlebenswichtige Notlüge.
Ein langes, zittriges Ausatmen am anderen Ende der Leitung. Es klang nach purer Erleichterung, gefolgt von einem unterdrückten Schluchzen. „Gut. Das ist... das ist gut. Bleib genau da, hörst du? Fass nichts an. Ich...“
„Tjark, wer war bei dir im Laden?“
Das Freizeichen dröhnte monoton in ihrem Ohr. Er hatte aufgelegt.
Ylva ließ den Hörer langsam auf die Gabel sinken. Ihr Blick huschte durch den schwach beleuchteten Raum. Zu den Kisten mit alten Folianten. Zum Dachfenster, an dem der Regen unerbittlich herabströmte. Flucht über das nasse Schieferdach bedeutete ein gebrochenes Genick im dunklen Hinterhof. Schließlich wanderte ihr Blick zur Eingangstür aus massivem Eichenholz, die sie vor Jahren mit einem zusätzlichen Stahlriegel auf eigene Kosten hatte verstärken lassen.
Sie griff nach dem schweren, eisernen Skalpell neben dem Leuchttisch. Die kühle, scharfe Kante des Metalls drückte sich beruhigend in ihre Handfläche, durch den dünnen Stoff des Handschuhs hindurch.
Ein leises Knarren ertönte auf der alten Holztreppe draußen im Flur.
Ylva erstarrte. Jemand war im Gebäude. Jemand, der sich keine Mühe gab, leise zu sein, aber dessen Schritte ein massives, kontrolliertes Gewicht besaßen. Die schwerhörige alte Dame aus dem Erdgeschoss ging um diese Uhrzeit nicht spazieren, und die Haustür unten war massiv und doppelt verschlossen.
Sie wich lautlos zurück, Schritt für Schritt, bis sie die raue, abweisende Backsteinwand in ihrem Rücken spürte. Der Regen trommelte weiter gegen das Glas, als wolle die Stadt selbst den Lärm verschlucken, der gleich folgen würde.
Dann geschah es.
Ein brutaler, ohrenbetäubender Schlag ließ die Wohnungstür erzittern. Der Stahlriegel stöhnte protestierend auf. Putz und feiner Staub rieselten aus dem Türrahmen und legten sich wie Asche auf den Dielenboden.
„Ylva!“ Tjarks Stimme drang gedämpft durch das dicke Holz. Er weinte. Ein erwachsener Mann, der wimmerte wie ein in die Enge getriebenes Tier. „Es tut mir leid! Ich schwöre dir, es tut mir so unendlich leid. Sie... sie hätten mich getötet.“
Sie antwortete nicht. Sie presste die Lippen so fest aufeinander, dass sie weiß wurden, und umklammerte den eisernen Griff der kleinen Klinge mit beiden Händen. Ihr Herz raste, doch ihr Verstand schaltete in einen eiskalten Überlebensmodus. Der Kokon war zerbrochen. Ihre Zuflucht war eine Falle geworden.
Ein dumpfes Poltern folgte. Etwas Schweres – ein Körper – wurde achtlos gegen die Wand im Treppenhaus geschleudert. Tjarks weinerliches Schluchzen verstummte abrupt mit einem widerlichen, feuchten Knacken.
Die Stille, die nun einsetzte, war schlimmer als der Lärm zuvor. Sie war aufgeladen, schwer und von einer düsteren, gnadenlosen Professionalität.
Direkt hinter der Tür, nur Zentimeter von Ylvas sicherem Zufluchtsort entfernt, ertönte das unmissverständliche, harte Klicken von entsicherten Sturmgewehren.
Unmittelbar danach folgte das langsame, schleifende Geräusch einer Klinge, die ruhig aus einer Lederscheide gezogen wurde.
Kapitel 2 :Der Mann mit der Klinge
Ein ohrenbetäubender Knall riss die Realität in Stücke.
Der schwere Stahlriegel, Ylvas letzte Barriere zur Außenwelt, kreischte metallisch auf, als die massiven Eichenholzscharniere aus dem Mauerwerk gerissen wurden. Die Tür flog mit einer solchen Wucht auf, dass sie krachend gegen die nackte Backsteinwand schlug. Holzsplitter regneten wie Schrapnelle auf die staubigen Dielen.
Grelle, blendende Lichtkegel taktischer Taschenlampen durchschnitten die dämmrige Dunkelheit des Ateliers. Sie warfen groteske Schatten an die schrägen Wände und fraßen den schützenden Kokon aus altem Papier und Schwarzteeduft gnadenlos auf.
Im Zentrum des Lichts stolperte Tjark über die Schwelle.
Ylva presste sich gegen die Werkbank, die Finger krampfhaft um den kalten Griff des Skalpells geschlossen. Der alte Buchhändler sah furchtbar aus. Sein Gesicht war eine geschwollene, blutige Maske, der vertraute Tweed-Sakko zerrissen. Er hustete feucht, die Augen weit aufgerissen vor nackter, animalischer Panik. Sein Blick huschte panisch durch den Raum, fand Ylva, die erstarrt neben dem Leuchttisch stand.
Er zögerte nicht eine Sekunde. Ein zitternder, blutverschmierter Finger hob sich und deutete direkt auf sie. Keine Reue. Kein Bedauern. Nur der egoistische Trieb, selbst zu überleben. Tjark drehte sich auf dem Absatz um und floh stolpernd, wimmernd in die feuchte Dunkelheit des Treppenhauses davon.
Sie ließen ihn gehen. Er war unwichtig geworden.
Drei massive Gestalten drängten durch den zerstörten Türrahmen. Schwarze, schallschluckende Kampfanzüge, schwere Kevlar-Westen, die Gesichter hinter dunklen Visieren verborgen. Sie brachten die beißende Kälte der Novembernacht mit sich, vermischt mit dem scharfen, metallischen Gestank nach nasser Kleidung und Maschinenöl.
Ylvas Atelier, ihr über Jahre mühevoll aufgebauter Zufluchtsort, wurde innerhalb von Sekunden entweiht. Schwere Kampfstiefel traten gnadenlos auf fragile, jahrhundertealte Folianten. Ein Regal kippte mit einem ohrenbetäubenden Scheppern um, Gläser mit Lösungsmitteln zersprangen auf dem Boden. Die ätzende Chemikalie vermischte sich mit dem Staub zu einem giftigen Nebel.
„Das Pergament sichern, die Zeugin liquidieren!“
Die Stimme, die unter einem der Visiere hervorbrach, war völlig emotionslos. Ein geschäftsmäßiges, mechanisches Todesurteil, das durch den Raum hallte und Ylvas Blut in den Adern gefrieren ließ.
Ihr Blick schnellte zu dem Leuchttisch. Das Manuskript. Das pulsierende, verfluchte Pergament, das ihr diese albtraumhafte Vision in den Schädel gebrannt hatte. Es war der Grund, warum diese Männer hier waren. Ohne das Pergament gab es keine Beweise. Wenn sie es zerstörte, rettete sie vielleicht ihr Leben.
Der Überlebensinstinkt, der sie durch Jahre der Isolation getragen hatte, übernahm die Kontrolle. Ylva warf sich nach vorn.
Ihre behandschuhten Finger krallten sich in die rauen Kanten des alten Leders. Das offene Glas mit der unverdünnten Reinigungssäure stand nur wenige Zentimeter entfernt auf der Zinkplatte der Werkbank. Ein einziger Ruck. Ein Wurf, und die Runen würden sich in schwarzem, stinkendem Schaum auflösen.
Doch sie war nicht schnell genug.
Eine gewaltige Hand, gepanzert in taktischen Handschuhen, schloss sich brutal um ihren Nacken. Der Stoff ihrer dicken Wollstrickjacke riss hörbar. Ein harter, gnadenloser Ruck schleuderte sie rückwärts durch die Luft.
Ylva prallte mit dem Rücken gegen die massive Eichenkiste an der Wand. Die Luft entwich ihren Lungen in einem erstickten Keuchen. Sie schlug hart auf dem Boden auf. Das eiserne Skalpell rutschte aus ihren tauben Fingern und schlitterte nutzlos über die Dielen ins Dunkle. Dunkle Punkte tanzten an den Rändern ihres Sichtfeldes.
Der Söldner baute sich über ihr auf, ein gesichtsloser Turm aus Gewalt. Die schwarze Mündung seines Sturmgewehrs richtete sich mit ruhiger Präzision exakt auf ihre Brust. Ylva starrte in den dunklen Lauf. Ihr Herz hämmerte in einem rasenden, schmerzhaften Rhythmus gegen ihre Rippen. Sie kneifte die Augen zusammen, wartete auf den Knall, den Schmerz, das Ende.
Stattdessen fiel die Temperatur.
Es geschah nicht schleichend. Es war ein brutaler, unnatürlicher Absturz, als hätte jemand den Raum in flüssigen Stickstoff getaucht. Die Feuchtigkeit, die durch das offene Fenster drang, gefror augenblicklich zu feinem Raureif an den Ziegelwänden. Der Atem des Söldners über ihr materialisierte sich plötzlich als weiße, dichte Wolke in der Luft.
Das Trommeln des Regens auf dem Dach klang mit einem Mal weit entfernt. Eine drückende, unheimliche Stille legte sich über das Atelier, schwerer als das Blei in den Waffen der Männer.
Aus den tintenschwarzen Schatten des zersplitterten Türrahmens löste sich eine Gestalt.
Er machte kein Geräusch. Kein Knarren der Dielen, kein Rascheln von Stoff verriet seine Anwesenheit. Er trat einfach in den flackernden Lichtkegel der umgestürzten Schreibtischlampe, als wäre er aus der Dunkelheit selbst geboren worden.
Der Mann war gewaltig. Er überragte die paramilitärischen Söldner um einen Kopf, die Schultern breit und massiv unter einem schweren, regendurchnässten Wollmantel. Keine Rüstung. Kein Helm. Er bewegte sich mit einer vollkommen lautlosen, fast fließenden Geschmeidigkeit, die in erschreckendem Kontrast zu seiner physischen Präsenz stand.
Der Söldner, der seine Waffe auf Ylva gerichtet hielt, spürte die Veränderung der Atmosphäre. Er wirbelte herum, riss das Gewehr hoch.
Doch der Fremde war bereits da.
Es war kein Kampf. Es war eine Hinrichtung. Ylva sah keine Wut in den Bewegungen des Riesen, keinen brüllenden Blutrausch. Es war eine erschreckende, maschinelle Präzision. Eine leere, absolute Pflicht.
Die bloße Hand des Fremden schoss vor und schloss sich um den Kehlkopf des Söldners. Ein dumpfes, trockenes Knacken zerriss die unnatürliche Stille. Der Söldner fiel wie eine Marionette, der man die Fäden durchtrennt hatte, leblos zu Boden.
Der Kommandant brüllte einen Befehl, das Mündungsfeuer seines Gewehrs erhellte den Raum in kurzen, grellen Blitzen. Kugeln zerfetzten das Holz der Regale, doch der Hüne war längst nicht mehr in der Schusslinie. Er war unter dem Lauf abgetaucht. Seine Bewegungen verschwammen fast. Er packte das Handgelenk des Anführers und brach es mit einer beiläufigen, fließenden Drehung, als bestünde der Mann aus morschem Holz.
Ein Messer glitt lautlos aus dem Ärmel des dunklen Mantels in die Hand des Riesen. Kaltes, mattes Metall. Mit einer einzigen, fließenden Bewegung trieb er die Klinge durch die seitliche Lücke der Kevlar-Weste direkt in das Herz des Kommandanten.
Der dritte Angreifer zog ein Kampfmesser und stürzte sich mit einem gutturalen Schrei auf den Fremden. Der Hüne wich nicht zurück. Er trat einen halben Schritt zur Seite, nutzte den Schwung des Angreifers, griff dessen Arm und trieb dem Söldner seine eigene Waffe tief in die Halsschlagader.
Dampfendes Blut spritzte in einem weiten Bogen an die verblasste Tapete. Der Mann sank gurgelnd auf die Knie und kippte vornüber.
Sekunden. Es hatte nur Sekunden gedauert.
Die dröhnende Stille kehrte zurück, nur unterbrochen vom leisen, feuchten Tropfen des Blutes, das von der Klinge des Fremden auf die Holzdielen fiel.
Ylva presste sich tiefer in die Ecke zwischen Wand und Holztruhe. Sie schlang die Arme um ihre Knie, der Atem ging flach und schnell. Ihr Verstand, trainiert auf Analyse und Distanz, kapitulierte vor der schieren Brutalität dessen, was sie gerade mitangesehen hatte. Dieser Mann war keine Rettung. Er war der absolute Tod. Die Spitze der Nahrungskette, die nun den Raum dominierte.
Der Hüne ließ sein Messer lautlos in einer Lederscheide verschwinden. Dann drehte er den Kopf.
Sein Blick fiel auf sie.
Ylva hielt unwillkürlich die Luft an. Die Augen des Killers trafen ihre, und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, das Herz würde ihr in der Brust zerspringen. Sie waren silbergrau. Unnatürlich, leuchtend und so kalt wie das zugefrorene Wasser der Ostsee im tiefsten Winter. In diesen Augen lag keine Menschlichkeit. Keine Spur von Triumph, kein Adrenalin, keine Reue. Da war nur eine grenzenlose, eisige Leere.
Er musterte sie. Die Zeugin. Das letzte offene Ende seiner blutigen Gleichung.
Doch er zog keine Waffe. Er machte keine hastige Bewegung.
Stattdessen stieg er mit bedächtigen, fast respektvollen Schritten über die Leichen der Söldner hinweg, bis er direkt vor ihr stand. Die Dunkelheit seines Mantels schluckte das wenige Licht im Raum. Der Geruch nach eisigem Regen, dunklem Wald und frischem Blut hüllte sie ein, verdrängte den Gestank der Chemikalien. Er überragte sie wie ein monströser, stiller Monolith.
Ylva starrte zu ihm hinauf, gefangen in der Gravitation seiner schieren Präsenz. Sie war wehrlos. Wenn er sie berührte, würde das Trauma seiner Morde ihren Verstand pulverisieren. Sie rechnete mit dem tödlichen Schlag. Mit der Klinge.
Aber er tat nichts dergleichen.
Langsam, mit einer Ruhe, die in völligem Kontrast zu dem Gemetzel um sie herum stand, beugte er sich leicht vor. Seine breite Hand – das Blut seiner Feinde klebte dunkel an seinen Knöcheln – streckte sich ihr entgegen. Die Handfläche wies nach oben. Eine stumme Aufforderung. Eine Geste, die den Raum zwischen ihnen nicht durch Zwang überbrückte, sondern abwartete.
Dann brach er sein Schweigen.
Seine Stimme war ein tiefes, raues Grollen. Es war ein Klang, der Ylvas Knochen vibrieren ließ und paradoxerweise den rasenden Herzschlag in ihrer Brust zum ersten Mal in dieser Nacht erdend verlangsamte.
„Nimm das Buch“, sagte Corvin Eisengrimm leise in die Dunkelheit. Keine Drohung. Keine Bitte. „Mitkommen.“
Kapitel 3 :Schwarzes Blut im Fluchtwagen
Ylvas Lunge krampfte sich zusammen. Die ausgestreckte, blutverschmierte Hand des Riesen schwebte wie eine unausgesprochene Drohung zwischen ihnen im Raum.
Ihre grauen Augen huschten von seinen gigantischen, ledrigen Handschuhen zu den drei zerbrochenen Körpern der Söldner, die blutend auf ihren Dielen ausbluteten. *Mitkommen.* Ein Befehl, geäußert mit der beiläufigen Gleichgültigkeit eines Mannes, für den ein Menschenleben nicht mehr wert war als Staub. Wenn sie diese Hand nahm, wenn dieser Killer ihre bloße Haut berührte, würde die Flut seiner mörderischen Erinnerungen ihren Verstand in tausend Splitter sprengen.
Ihr Überlebensinstinkt, jahrelang durch Flucht geschärft, übernahm die Kontrolle.
Ylva schlug seine Hand nicht weg. Sie wich zurück. Ein hastiger, stolpernder Schritt, dann noch einer, bis ihre Schulterblätter hart gegen den kalten Fensterrahmen stießen. Der eisige Novemberregen peitschte ihr durch das geborstene Glas ins Gesicht.
Corvin Eisengrimm blinzelte nicht einmal. Keine Wut verzerrte seine Züge, keine Ungeduld. Seine unnatürlich silbergrauen Augen fokussierten sie mit der leeren Präzision eines Raubtiers, das genau weiß, dass die Beute keinen Ausweg hat.
Sie riss den gusseisernen Hebel des Fensters nach oben. Der Flügel schwang knarrend in den Sturm hinaus. Ylva wollte sich auf das nasse, schräge Dach hinausziehen, doch ihre klammen Finger fanden auf dem glatten Backstein keinen Halt.
Bevor sie zu einem zweiten Versuch ansetzen konnte, verdunkelte ein Schatten das spärliche Licht.
Corvin war nicht gelaufen. Er hatte die Distanz zwischen ihnen einfach ausgelöscht. Ein massiver Arm, hart wie Stahlblech, schloss sich um ihre Taille. Ylva riss den Mund auf, um zu schreien, sich auf den psychischen Einschlag der Berührung vorzubereiten – doch er kam nicht. Ihre dicke, grob gestrickte Wolljacke und sein schwerer, durchnässter Mantel bildeten eine undurchdringliche Barriere zwischen ihren Häuten.
Er verschwendete keine Silbe an eine Erklärung. Mit einer fließenden Bewegung griff er nach dem verfluchten Pergament auf dem Leuchttisch, stopfte es in die Innentasche seines Mantels und wuchtete Ylva mit einer erschreckenden Leichtigkeit über seine breite Schulter. Sie wog für ihn nicht mehr als ein leerer Sack.
Die Luft entwich ihren Lungen. Sein harter Muskelstrang bohrte sich in ihren Magen.
„Lass mich los, du verdammter Mörder!“, stieß sie keuchend hervor und hämmerte mit ihren behandschuhten Fäusten wild gegen seinen massiven Rücken. Es war, als würde sie gegen eine Eisentür schlagen.
„Schweig“, grollte Corvin. Seine Stimme war tief, vollkommen ruhig und vibrierte durch seine Brust direkt in ihre Knochen. „Oder sie schießen dir den Kopf weg.“
Im selben Sekundenbruchteil sprang er.
Er drückte sich durch das geöffnete Fenster, hinaus in den peitschenden Sturm. Ylvas Magen machte einen brutalen Satz. Sie stürzten nicht. Corvins schwere Stiefel landeten lautlos auf den feuchten, rutschigen Tonziegeln des Lübecker Daches. Er knickte leicht in den Knien ein, federte das Gewicht mühelos ab und richtete sich auf.
Unten in der engen, kopfsteingepflasterten Gasse flammten plötzlich grelle Lichter auf.
Das Rattern von Maschinenpistolen zerriss die Nacht.
Ein Hagel aus heißem Blei peitschte gegen das Gebäude. Ziegelsteine explodierten wenige Zentimeter neben Corvins Stiefeln in rote Staubwolken. Der Putz des benachbarten Schornsteins zersplitterte krachend. Eine zweite Einheit. Schwer bewaffnet, gesichtslos, tödlich.
Corvin zögerte keine Millisekunde. Er setzte sich in Bewegung.
Es war eine absurde, albtraumhafte Flucht. Der Wind heulte von der Ostsee herüber, riss an Ylvas Haaren und trieb ihr den eiskalten Regen in die Augen. Unter ihr raste das schwarze Nichts des Gängeviertels vorbei. Corvin rannte über die extrem schrägen, rutschigen Dächer, als würde die Schwerkraft für ihn nicht existieren. Seine Schritte waren lang, brutal und präzise. Jeder Sprung über die klaffenden Abgründe zwischen den historischen Häuserzeilen war so berechnet, dass er sie im Flug mit einer massiven Hand auf ihrem Rücken nach unten presste.
Ein Projektil sirrte bedrohlich nah an Ylvas Ohr vorbei.
Instinktiv zog Corvin seine Schulter hoch und drehte seinen massigen Torso mitten im Lauf so, dass er ihren zierlichen Körper vollständig vor dem Kugelhagel abschirmte. Er bot den Schützen im Hof unten lieber seinen eigenen Rücken als Zielscheibe an, als Ylva auch nur einen Kratzer riskieren zu lassen. Der Geruch von feuchter Wolle, Leder und Schießpulver brannte in Ylvas Nase. Die Hitze, die sein Körper trotz des eisigen Regens abgab, war erdrückend.
Sie jagten über die Brandmauer eines alten Lagerhauses. Die Schüsse der Söldner klangen nun gedämpfter, doch das Jaulen von Sirenen mischte sich in das Tosen des Sturms. Die Stadt wachte auf.
Am Ende des langgestreckten Daches klaffte der leere Raum. Corvin verlangsamte sein Tempo nicht. Er rannte direkt auf die Kante zu.
Ylva presste die Augen zusammen und krallte ihre Finger in den harten Stoff seines Mantels.
Der Sturzflug dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde. Sie brachen durch das rostige Gitter einer alten Feuerleiter, landeten hart auf einem Betonvorsprung und rutschten sofort in die absolute Finsternis ab.
Der Aufprall in der verlassenen Tiefgarage hallte dumpf von den nackten Betonwänden wider. Der Gestank nach altem Motoröl, feuchtem Staub und Urin ersetzte die eisige, salzige Luft des Regens. Flackernde, kaputte Neonröhren tauchten das unterirdische Parkdeck in ein krankhaftes, gelbliches Licht.
Corvin blieb abrupt stehen. Er ließ Ylva ohne Vorwarnung hinuntergleiten.
Ihre Knie gaben nach, als ihre Füße den harten Beton berührten. Sie taumelte, fing sich mühsam an einem massiven Stützpfeiler ab und rang nach Luft. Ihre Beine zitterten unkontrolliert. Das Adrenalin brannte wie Säure in ihren Adern.
Vor ihnen in den Schatten stand ein schwarzer, kastenförmiger SUV. Keine Nummernschilder. Die Scheiben waren undurchdringlich getönt, das Chassis wirkte zu schwer, zu massiv für ein normales Fahrzeug. Gepanzerter Stahl.
Corvin zog einen Schlüssel aus der Tasche. Das leise, elektronische Klacken der Zentralverriegelung klang in der toten Stille der Garage ohrenbetäubend.
Er trat an die Beifahrertür, riss sie auf und drehte sich zu ihr um. Das fahle Neonlicht spiegelte sich in seinen toten, silbernen Augen. Das Blut der Söldner aus ihrem Atelier klebte noch immer an seinem Kinn.
„Einsteigen“, forderte er mit der gleichen ruhigen, unerbittlichen Kälte wie zuvor.
Ylva rührte sich nicht. Sie klammerte sich an den Betonpfeiler, den Blick starr auf den dunklen Innenraum des Wagens gerichtet. Eine rollende Gefängniszelle. Wenn sie dort einstieg, gab es kein Zurück mehr in ihre Einsamkeit. In ihr kleines, überschaubares Leben.
„Wer bist du?“, flüsterte sie heiser. Der Regen tropfte von ihren Wimpern. „Warum haben sie auf uns geschossen?“
Corvin warf einen kurzen Blick über die Schulter zur Auffahrtsrampe, wo das Prasseln des Regens langsam von näherkommenden, schweren Schritten überlagert wurde.
Er griff nach ihrem Arm – grob genug, um sie in Bewegung zu setzen, aber vorsichtig genug, um ihr nicht wehzutun. Seine Hand schloss sich um den dicken Stoff ihrer Jacke. Er zog sie ohne den geringsten Kraftaufwand zu sich heran und schob sie bestimmt auf den Ledersitz des Beifahrers.
„Weil du Dinge übersetzt, die Tote wecken“, antwortete er trocken.
Er knallte die schwere, gepanzerte Tür ins Schloss. Die Geräusche der Garage wurden sofort zu einem dumpfen Summen gedämpft. Der Geruch nach neuem Leder, Desinfektionsmittel und einem Hauch von Kiefernholz umgab sie.
Corvin umrundete die Motorhaube mit schnellen, lautlosen Schritten. Er öffnete die Fahrertür und ließ sich auf den Sitz gleiten. Die Enge des Innenraums schien ihn fast zu erdrücken. Seine massiven Schultern füllten den halben Wagen aus. Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, drückte er den Startknopf.
Der V8-Motor heulte mit einem tiefen, gutturalen Knurren auf.
Corvins Hand legte sich auf den Schalthebel.
In genau diesem Moment zerfetzte ein überschall-schneller Knall die Luft.
Die schusssichere Heckscheibe des SUV explodierte nicht, sondern wurde von einer gewaltigen kinetischen Kraft nach innen durchschlagen. Ein Netz aus feinen, weißen Rissen breitete sich rasend schnell über das Panzerglas aus, bevor das Zentrum mit einem kreischenden Geräusch nachgab.
Ein Scharfschütze.
Das Projektil pfiff genau zwischen den Kopfstützen hindurch. Ylva riss schützend die Arme hoch, doch die Kugel galt nicht ihr.
Corvin ruckte brutal nach vorn, als hätte ihn ein Vorschlaghammer getroffen. Ein feuchtes, reißendes Geräusch erklang. Das schwere Silberprojektil bohrte sich tief unterhalb seines Schlüsselbeins in das Gewebe und trat auf der Vorderseite seiner Schulter wieder aus, bevor es funkend im Armaturenbrett einschlug.
Ylva schrie auf.
Spritzer einer dicken, unnatürlich dunklen Flüssigkeit trafen die Windschutzscheibe. Es war kein normales Blut. Es war fast schwarz, glänzte wie flüssiges Pech und begann augenblicklich, beißend riechenden, grauen Rauch zu entwickeln, sobald es mit der Luft in Berührung kam.
Corvins Kopf fiel nach vorn gegen das Lenkrad. Die Hupe ertönte in einem schrillen, ohrenbetäubenden Dauerton, der jeden Söldner in der Umgebung direkt zu ihnen führen würde. Das leise, unheimliche Zischen des rauchenden Blutes erfüllte den klaustrophobischen Raum des Wagens.
Der unaufhaltsame, eiskalte Killer regte sich nicht mehr.
