

Synopsis
Alva überlebt an der elitären Mondhain-Akademie, indem sie möglichst unsichtbar bleibt und ihre angebliche Herzkrankheit mit Tabletten kontrolliert. In Wahrheit unterdrücken die Pillen etwas Wildes, das seit Jahren unter ihrer Haut wartet. Als Ivar Nachtwald, der gefürchtete Alpha des mächtigsten Rudels, an die Akademie zurückkehrt, versagen alle Medikamente zugleich. Ein einziger Blick reicht, um die Stimme in Alvas Kopf zu wecken: Meins. Doch ihre Verbindung ist verboten, und der Rat hat gute Gründe, Alvas wahre Herkunft geheim zu halten. Zwischen tödlichen Prüfungen, manipulierten Blutlinien und einer Nähe, die körperlich unmöglich zu ignorieren ist, muss Alva entscheiden, ob Ivar ihr Gefährte, ihr Henker oder der Einzige ist, der die Lügen der Akademie zerreißen kann.
Kapitel 1 :Vier Pillen und goldene Augen
Zwei Pillen waren die Dosis. Alva schluckte vier.
Der bittere, kalkige Geschmack der Betablocker haftete an ihrem Gaumen, während sie sich mit beiden Händen am Rand des Waschbeckens abstützte. Die eiskalten Fliesen unter ihren nackten Füßen boten keinen Halt gegen das Schwindelgefühl, das sie in die Knie zwingen wollte. Vor ihr, im fleckigen Spiegel des winzigen Wohnheim-Badezimmers, starrte ihr das Gesicht einer Fremden entgegen. Blasse Haut, tiefe, violette Schatten unter den wachsamen, haselnussbraunen Augen und ein Puls, der so heftig an ihrem Hals hämmerte, dass es wehtat.
Ihre Finger zitterten, als sie nach dem Kragen ihres verwaschenen, viel zu großen Vintage-Pullovers griff und ihn zur Seite zog. Da war sie. Die Narbe. Ein erhabener, silbriger Halbmond, der sich in die Haut ihres linken Schlüsselbeins fraß. Normalerweise war sie nur eine stumme Erinnerung an eine Vergangenheit, die Alva aus ihrem Gedächtnis verdrängt hatte. Doch heute Morgen brannte das Gewebe. Es pochte im exakten Rhythmus ihres viel zu schnellen Herzschlags, als würde etwas unter ihrer Haut kratzen und Einlass in ihren Verstand fordern.
*Wirk endlich*, flehte sie die eingenommenen Chemikalien stumm an und drehte den rostigen Wasserhahn auf, um sich eiskaltes Wasser ins Gesicht zu klatschen. *Mach es still.*
Die Tür flog mit einem lauten Knall auf.
„Sieben Minuten, Alva!“ Maeves Stimme schnitt durch das Rauschen in Alvas Ohren wie eine stumpfe Klinge.
Alva wirbelte herum. Maeve stand im Türrahmen, ein personifizierter Nervenzusammenbruch im platinblonden Bob. Unter ihrem Arm klemmte ein massives Klemmbrett, in der rechten Hand balancierte sie eine offene Dose Energydrink. Das leise, unerbittliche Ticken der alten Armbanduhr ihrer toten Schwester an ihrem Handgelenk klang in der drangvollen Enge des Zimmers so laut wie ein Metronom.
„Wenn ich das Skript auf dem Weg zum Botanik-Trakt überfliege, kann ich in der Vorhalle exakt drei Minuten atmen, bevor das Examen losgeht“, murmelte Maeve gehetzt, mehr zu sich selbst als zu Alva. Dann hob sie den Blick. Ihre scharfen Züge verhärteten sich, als sie Alvas feuchtes Gesicht und die krampfhaft umklammerte Plastikdose der Medikamente sah.
„Reiß dich zusammen, Alva.“ Maeves Tonfall duldete kein Mitleid, nur kalte Berechnung. „Die Wölfe fressen uns lebendig, wenn sie riechen, dass du zitterst. In sieben Minuten beginnt das Examen, und wir haben verdammt noch mal keine Zeit für Krankheiten.“
„Ich bin nicht krank“, log Alva reflexartig, stieß sich vom Waschbecken ab und griff nach ihren schweren Stiefeln. „Mein Körper muss nur lernen, wann er die Klappe zu halten hat.“
Der Sarkasmus war ein altes, gut sitzendes Schutzschild. Sie zog den Pullover eng um sich, als wolle sie sich in der rauen Wolle verstecken, und folgte Maeve in den Flur.
Draußen peitschte schwerer Regen gegen die hohen, schmalen Fenster der Mondhain-Akademie. Das uralte Mauerwerk schien die Kälte der zentralen Berge förmlich auszuatmen. Die Gänge waren hoch, gotisch und riechen nach feuchtem Stein, altem Papier und der erdrückenden Gewissheit, dass man hier nicht erwünscht war.
Für die elitären Wandler-Studenten, die in maßgeschneiderten, dunklen Uniformen durch die Flure schritten, existierten Menschen wie Alva und Maeve nicht. Sie waren „Blutlose“. Lästiges Füllmaterial für das Stipendienprogramm der Akademie.
Als Alva und Maeve die Große Treppe erreichten, mussten sie sich schweigend an die eiskalte Wand drücken. Eine Gruppe aus dem Nachtwald-Rudel kam ihnen entgegen. Sie sprachen nicht laut, doch ihre bloße Präsenz beanspruchte den gesamten Raum. Einer von ihnen, ein hochgewachsener Typ mit eisigen Augen, streifte Alva im Vorbeigehen absichtlich mit der Schulter. Der Aufprall war hart, trieb ihr die Luft aus den Lungen und ließ sie stolpern. Er sah nicht einmal zurück.
Tief in Alvas Brustknochen zog sich etwas zusammen. Ein dunkles, unbändiges Knurren formte sich ganz hinten in ihrer Kehle, ein urtümlicher Instinkt, sich auf ihn zu stürzen und ihm die Kehle herauszureißen. Sie biss sich so hart auf die Innenseite ihrer Wange, dass sie den metallischen Geschmack von Blut auf der Zunge schmeckte.
*Nur eine Herzkrankheit*, redete sie sich panisch ein. *Ein hormonelles Ungleichgewicht. Mehr nicht.*
Doch das Zittern in ihren Händen hörte nicht auf. Die Überdosis Betablocker zeigte absolut keine Wirkung.
Zehn Minuten später flüchtete Alva in die schwüle Hitze des alten Apothecariums. Das verlassene Gewächshaus lag abseits des Hauptcampus, überwuchert von efeuumrankten Mauern und wild wuchernden Farnen. Die blinden Scheiben hielten das trübe Morgenlicht fern, und die Luft im Inneren war extrem heiß, feucht und stickig. Es roch nach nasser Erde, verrottenden Blättern und dem scharfen, beißenden Duft zerschnittener Kräuter.
Professorin Elara Vance saß bereits in der Mitte des Raumes in ihrem Rollstuhl. Ihr verblasstes Samtkleid hob sich kaum von den Schatten ab. Ohne die eintreffenden Studenten auch nur eines Blickes zu würdigen, hielt sie ein kleines, noch zuckendes Stück rohes Fleisch über den blutroten Trichter einer peitschenartigen Ranke.
„Anwesenheit ist eine Illusion von Produktivität“, krächzte Elara mit ihrer vom Tabak rauen Stimme, während die Pflanze zuschnappte. „Die meisten von Ihnen sind ohnehin intellektuell tot. Rosenquell! Tee. Sofort.“
Alva nickte stumm, warf ihre durchnässte Tasche in die Ecke und trat an den alten Bunsenbrenner, auf dem ein gläserner Kessel mit kochendem Wasser stand. Ihre Finger waren taub. Das ständige, dumpfe Ziehen in ihrer Brust – ein Schmerz, den kein Arzt jemals diagnostizieren konnte – wurde mit jeder Sekunde unerträglicher. Es fühlte sich an wie Heimweh nach einem Ort, den sie nie gekannt hatte.
Sie griff nach der schweren Porzellankanne. Das Porzellan klirrte verräterisch gegen die Untertasse. Maeve, die am Nebentisch saß und fieberhaft Notizen in ihr Tablet hackte, warf ihr einen warnenden Blick zu.
Dann passierte es.
Die Luft im Gewächshaus veränderte sich schlagartig. Die schwüle Hitze schien plötzlich in sich zusammenzufallen, verdrängt von einem unsichtbaren, atmosphärischen Druck. Es war, als würde der Sauerstoff aus dem Raum gesaugt. Ein Geruch breitete sich aus – nicht nach Erde oder Pflanzen, sondern nach eisigem Wind, Ozon und purer, ungezähmter Gefahr.
Alvas Körper reagierte, bevor ihr Verstand es begriff. Ihr Rücken straffte sich. Jeder einzelne Muskel spannte sich bis zur Schmerzgrenze an. Die Halbmondnarbe auf ihrem Schlüsselbein glühte auf, als würde jemand eine brennende Zigarette auf ihrer Haut ausdrücken.
Wie ferngesteuert trat sie an die beschlagene Fensterscheibe und wischte mit dem Ärmel ihres Pullovers die Feuchtigkeit beiseite. Ihr Blick fiel hinab in den nebelverhangenen Innenhof der Akademie.
Ein mattschwarzer Wagen hatte direkt vor dem eisernen Portal gehalten. Der Regen prasselte unbarmherzig auf das Pflaster, doch der Mann, der soeben aus dem Fonds stieg, schien das Wetter völlig zu ignorieren.
Ivar Nachtwald.
Er trug die makellose, dunkle Uniform des Akademie-Rates, doch an ihm wirkte der Stoff wie ein mühsam angelegter Käfig. Er bewegte sich lautlos, mit der kalten, berechnenden Präzision eines Raubtiers, das die Welt um sich herum nicht fürchtete, weil es an der Spitze der Nahrungskette stand. Eine erdrückende Ruhe ging von ihm aus. Keine Arroganz. Nur absolute, souveräne Dominanz.
Als hätte er ihren Blick durch den Regen, die beschlagene Scheibe und die meterdicken Steinwände gespürt, blieb Ivar abrupt stehen. Er wandte den Kopf.
Sein Blick hob sich. Direkt zu dem verlassenen Gewächshaus. Direkt zu ihr.
Alvas Atem stockte. Die Distanz zwischen ihnen spielte keine Rolle. In dem Moment, als seine kühlen, silbergrauen Augen ihre fanden, passierte etwas Unfassbares: Das Silber in seiner Iris flackerte auf und brach für den Bruchteil einer Sekunde in ein raubtierhaftes, leuchtendes Gold auf.
Ein physischer Ruck ging durch Alvas Körper, so gewaltsam, als hätte man sie an eine Hochspannungsleitung angeschlossen. Der unerträgliche Trennungsschmerz in ihrer Brust, der sie seit Jahren wie ein Parasit quälte, riss mit einem Mal auf, nur um von einem Verlangen überflutet zu werden, das sie völlig entwurzelte. Es war keine Faszination. Es war blanker, hungriger Trieb.
*Meins.* Die Stimme in ihrem Kopf gehörte nicht ihr. Sie war wild, dunkel und uralt.
Ivars Gesicht blieb völlig stoisch, eine makellose Maske aus Disziplin, doch seine Kiefermuskeln spannten sich so stark an, dass es selbst aus dieser Entfernung sichtbar war. Er sah nicht weg. Er wich nicht aus. Sein Blick hielt sie gefangen, durchdrang ihren Sarkasmus, ihre viel zu großen Kleider und zerrte das nach außen, was sie mit aller Macht zu ersticken versuchte.
Alvas Herz explodierte. Der Puls jagte mit einer solchen Brutalität durch ihre Venen, dass ihr Sehvermögen an den Rändern verschwamm. Die Betablocker waren nichts weiter als wertloser Staub gegen die Macht, die gerade in ihr erwachte.
Ihre Hände krampften sich unkontrolliert zusammen.
Ein lautes, hässliches Knallen zerriss die Stille im Gewächshaus, als das massive Porzellan der Teetasse in ihrem Griff einfach zersplitterte.
Brühend heißes Wasser ergoss sich über ihre tauben Finger, vermischte sich mit feinen Bluttropfen, wo die scharfen Scherben ihre Haut durchtrennt hatten. Doch Alva spürte den Schmerz kaum. Sie konnte nicht aufhören, nach draußen zu starren, in den Regen, in diese golden flackernden Augen, die leise versprachen, dass ihre Welt gerade unwiderruflich aus den Fugen geraten war.
Acht Stunden später. Mitternacht.
Der Wald jenseits der Akademie schluckte jedes Licht. Es war verbotenes Territorium. Eine magische Barriere trennte den elitären Campus von der ungezähmten Wildnis, eine unsichtbare Wand, die schwache Studenten abhalten sollte. Doch Alvas Instinkt hatte den Riss in der Barriere am alten Westtor mühelos gefunden. Ihr Verstand sträubte sich, aber ihr Körper wusste genau, wo er hintreten musste, ohne dass ein einziger Zweig brach.
Die Kälte kroch durch ihre feuchte Kleidung. Ihre Hände waren provisorisch mit Verbandszeug umwickelt, doch die Wunden pochten erbarmungslos im Takt ihres Herzens.
Sie ließ sich am Fuß einer gewaltigen, schwarzen Kiefer auf die Knie fallen. Der Boden war aufgeweicht und roch extrem intensiv nach Fäulnis und nassen Tannennadeln. Mit bloßen, schmerzenden Fingern begann sie, in der kalten Erde zu graben. Hier draußen wuchs die Dämmerschatten-Wurzel. Ein potentes, fast giftiges Kraut, das in der Lage war, das zentrale Nervensystem für Stunden komplett zu betäuben. Es war lebensgefährlich. Genau das brauchte sie.
Ihre Fingernägel füllten sich mit Schlamm. Der Regen hatte aufgehört, aber dicke Tropfen fielen aus dem Blätterdach und klatschten laut auf ihre Schultern. Sie grob fanatisch weiter, bis ihre Finger auf die knorrige, bittere Wurzel stießen.
Mit einem heiseren Keuchen zog sie die Pflanze aus dem Dreck.
*Ich lasse nicht zu, dass ihr mich brecht*, dachte sie grimmig und starrte auf die schlammige Wurzel in ihren zitternden Händen. *Ich werde kein Monster. Ich nicht.*
Ein lautes, trockenes Knacken zerriss die absolute Stille des Waldes.
Alva erstarrte. Ihr Atem gefror in der Luft.
Das Geräusch kam nicht von einem streunenden Tier. Es war berechnet. Ein schwerer Stiefel, der bewusst einen Ast zertreten hatte.
Aus der undurchdringlichen Dunkelheit zwischen den Bäumen, keine drei Meter von ihr entfernt, löste sich eine massige, dunkle Silhouette. Die Luft wurde schlagartig eiskalt, und der unverkennbare Geruch nach Winterwind und Dominanz schlug Alva mit voller Wucht entgegen. Ihr Herz setzte einen vollständigen Schlag aus. Die Narbe auf ihrer Brust explodierte in sengendem Schmerz.
Zwei silbergraue Augen leuchteten im Dunkeln. Sie waren nicht mehr stoisch. Das Gold darin fraß sich unaufhaltsam durch das Silber.
„Alva.“
Seine Stimme war ein abgrundtiefes Vibrieren, kaum mehr als ein animalisches Raunen, das den Boden unter ihren Knien erzittern ließ. Er kannte ihren Namen. Und in der Art, wie er ihn aussprach, lag nicht ein Funken der Akademie-Disziplin, sondern eine tödliche, unvermeidliche Zusage.
Kapitel 2 :Der Alpha im Wald
Heißes Blut tropfte von Alvas Fingerspitzen auf den eiskalten Steinboden.
Sie rannte. Die schweren Sohlen ihrer Stiefel hallten wie ferne Schüsse durch die gotischen Korridore der Mondhain-Akademie. Draußen peitschte der Regen gegen die schmalen Fenster, doch die Feuchtigkeit auf ihrer Haut war kalter Schweiß. Ihre linke Hand krampfte sich um das blutende Fleisch ihrer rechten, wo die scharfen Porzellanscherben tiefe Risse hinterlassen hatten. Der Schmerz war real, beißend und vertraut. Er war das Einzige, was das ohrenbetäubende Rauschen in ihrem Kopf übertönte.
*Meins.*
Diese eine, fremde, uralte Silbe hallte in ihren Knochen wider. Sie stolperte um eine von dunklem Efeu umrankte Säule und brach abrupt ab.
Die Haupthalle der Akademie war normalerweise ein Hexenkessel aus arrogantem Lachen und knisternder Magie. Jetzt herrschte hier die Stille eines Friedhofs.
Dutzende Elite-Studenten säumten die Ränder der gewaltigen Halle. Niemand sprach. Niemand bewegte sich. Die Luft roch nach teurem Parfüm, nasser Wolle und purem, unverfälschtem Gehorsam. Das massive eiserne Portal am Ende der Halle stand weit offen, und grauer Nebel kroch wie lebendiger Rauch über die polierten Fliesen.
Die Delegation des Rates war eingetroffen.
Alva presste sich instinktiv in die Schatten einer tiefen Fensternische. Sie wollte unsichtbar sein. Sie musste diesen brennenden Schmerz in ihrer Brust unterdrücken, bevor er sie völlig zerriss.
„Sieh an. Die Straßenkatze hat sich verletzt.“
Eine Hand legte sich flach auf den Stein neben Alvas Kopf und schnitt ihr den Fluchtweg ab. Ein Geruch nach weißen Lilien und eiskalter Minze verdrängte den modrigen Geruch der steinernen Wände.
Livia Frost.
Livia wirkte, als wäre sie direkt aus einem Werbeprospekt für aristokratische Überlegenheit geschnitten worden. Ihr langes, seidenes Haar fiel makellos über die Schultern ihrer maßgeschneiderten Uniform. Ihre Augen, so blau wie gefrorenes Wasser, musterten Alvas zitternde, blutverschmierte Hände mit einer Mischung aus klinischem Interesse und bodenloser Verachtung.
Sie rückte näher. So nah, dass Alva gegen das harte Mauerwerk der Nische gedrückt wurde.
„Es tut mir wirklich weh, dich so unreflektiert und instabil zu sehen, Alva“, flüsterte Livia. Ihre Stimme war weich, beinahe hypnotisch beruhigend, und gerade deshalb so extrem gefährlich. „Ich halte jetzt Raum für deine fehlende Resilienz, aber bist du wirklich sicher, dass du dem Druck hier gewachsen bist?“
Alvas Puls raste. Die unterschwellige Drohung in Livias Worten war lauter als jedes Brüllen. Jeder in diesem Flur wusste, dass Livia Frost ihren Platz an der Seite des zukünftigen Alphas beanspruchte. Und jeder wusste, dass sie Schwäche auslöschte.
„Mein Druck ist völlig in Ordnung, Livia“, presste Alva hervor. Sie zwang ihre Lippen zu einem spöttischen Lächeln, das wie eine schlecht sitzende Maske wirkte. „Im Gegensatz zu deinem Bedürfnis, fremde Leute in Ecken zu drängen, um dir selbst etwas zu beweisen.“
Livia lächelte sanft. Sie hob die Hand und strich mit einem blütenweißen Seidentaschentuch über Alvas Wange, genau dort, wo ein Spritzer Blut getrocknet war. „Trauma ist keine Ausrede für mangelnde Disziplin. Du blutest auf unseren Boden. Du zitterst. Du verlierst die Kontrolle. Wenn du dich nicht zusammenreißen kannst, wird der Dämmerbund dich aussortieren. Zu deinem eigenen Schutz, natürlich.“
In diesem Moment sank die Temperatur in der Halle drastisch.
Das dumpfe, rhythmische Geräusch von schweren Stiefeln näherte sich durch den Nebel des Portals. Die Menge der Studenten schien förmlich die Luft anzuhalten. Die Rücken strafften sich. Köpfe senkten sich in demütiger Unterwerfung.
Ivar Nachtwald betrat die Halle.
Hinter ihm folgten zwei hochrangige Wächter, doch sie verschwammen zu bloßen Schatten neben seiner massiven physischen Präsenz. Sein mattschwarzer Mantel absorbierte das spärliche Licht der Kerzenständer. Sein Gesicht war eine unlesbare Maske aus Granit. Keine Arroganz. Kein Triumph. Nur die eiskalte, mörderische Gelassenheit eines Mannes, der jedes Lebewesen in diesem Raum mit bloßen Händen vernichten konnte und keinen Grund sah, damit zu prahlen.
Alvas Lunge streikte. Die silbrige Narbe an ihrem Schlüsselbein brannte so extrem, dass sie nach Luft schnappen musste. Der Schmerz der Trennung, der sie im Gewächshaus überfallen hatte, zog sich wie eine Schlinge um ihren Hals, je näher er kam.
Livia wandte den Kopf. Ihr sanftes Lächeln verwandelte sich in einen Ausdruck purer Hingabe, als sie sich Ivar zuwandte, um ihn abzufangen.
Doch Ivar sah Livia nicht an.
Als er auf Höhe der Fensternische war, stockten seine Schritte. Nur für den Bruchteil einer verdammten Sekunde. Er wandte den Kopf nicht, doch seine breiten Schultern spannten sich bis zur absoluten Zerreißprobe an. Sein Brustkorb hob sich, als würde er tief einatmen. Er roch das Blut. Er roch den Ozon, die nasse Erde und die schiere Panik, die von Alva ausging.
Die Sehnen an Ivars Hals traten deutlich hervor. Seine Hände, die in schwarzen Lederhandschuhen steckten, ballten sich zu Fäusten. Alva sah, wie der Lederstoff spannte. Die Luft zwischen ihnen knisterte wie eine überladene Batterie. Der wilde, dunkle Instinkt in Alva brüllte auf, schrie sie an, sich aus der Nische zu werfen und sich an ihn zu klammern.
Ivar schloss für einen winzigen Moment die Augen. Seine Kiefermuskeln mahlten hart aufeinander. Er zwang sein inneres Tier mit einer Disziplin in die Knie, die fast schon übermenschlich war. Dann öffnete er die Augen wieder, starrte geradeaus und ging wortlos weiter. Sein Rudel folgte ihm wie ein pechschwarzer Schatten.
Er ließ sie zurück.
Livia starrte ihm verärgert hinterher, wandte sich dann noch einmal Alva zu und ließ das blutige Taschentuch achtlos auf ihre Stiefel fallen. „Lass dich behandeln, Alva. Du siehst erbärmlich aus.“
Sobald Livia verschwunden war, brach Alva in die Knie. Sie stützte die Stirn gegen den kalten Stein. Ihr ganzer Körper bebte. Die Betablocker funktionierten nicht mehr. Diese ekelhafte Schwäche, dieses brennende Verlangen nach einem Mann, der zu genau der Elite gehörte, die sie so abgrundtief hasste – es würde sie zerstören.
Sie brauchte etwas Stärkeres.
***
Acht Stunden später. Mitternacht.
Der Wald jenseits der Akademie schluckte jedes Licht. Es war verbotenes Territorium. Eine magische Barriere trennte den elitären Campus von der ungezähmten Wildnis, eine unsichtbare Wand, die schwache Studenten abhalten sollte. Doch Alvas Instinkt hatte den Riss in der Barriere am alten Westtor mühelos gefunden. Ihr Verstand sträubte sich, aber ihr Körper wusste genau, wo er hintreten musste, ohne dass ein einziger Zweig brach.
Die Kälte kroch durch ihre feuchte Kleidung. Ihre Hände waren provisorisch mit Verbandszeug umwickelt, doch die Wunden pochten erbarmungslos im Takt ihres Herzens.
Sie ließ sich am Fuß einer gewaltigen, schwarzen Kiefer auf die Knie fallen. Der Boden war aufgeweicht und roch extrem intensiv nach Fäulnis und nassen Tannennadeln. Mit bloßen, schmerzenden Fingern begann sie, in der kalten Erde zu graben. Hier draußen wuchs die Dämmerschatten-Wurzel. Ein potentes, fast giftiges Kraut, das in der Lage war, das zentrale Nervensystem für Stunden komplett zu betäuben. Es war lebensgefährlich. Genau das brauchte sie.
Ihre Fingernägel füllten sich mit Schlamm. Der Regen hatte aufgehört, aber dicke Tropfen fielen aus dem Blätterdach und klatschten laut auf ihre Schultern. Sie grob fanatisch weiter, bis ihre Finger auf die knorrige, bittere Wurzel stießen.
Mit einem heiseren Keuchen zog sie die Pflanze aus dem Dreck.
*Ich lasse nicht zu, dass ihr mich brecht*, dachte sie grimmig und starrte auf die schlammige Wurzel in ihren zitternden Händen. *Ich werde kein Monster. Ich nicht.*
Ein lautes, trockenes Knacken zerriss die absolute Stille des Waldes.
Alva erstarrte. Ihr Atem gefror in der Luft.
Das Geräusch kam nicht von einem streunenden Tier. Es war berechnet. Ein schwerer Stiefel, der bewusst einen Ast zertreten hatte.
Aus der undurchdringlichen Dunkelheit zwischen den Bäumen, keine drei Meter von ihr entfernt, löste sich eine massige, dunkle Silhouette. Die Luft wurde schlagartig eiskalt, und der unverkennbare Geruch nach Winterwind und Dominanz schlug Alva mit voller Wucht entgegen. Ihr Herz setzte einen vollständigen Schlag aus. Die Narbe auf ihrer Brust explodierte in sengendem Schmerz.
Zwei silbergraue Augen leuchteten im Dunkeln. Sie waren nicht mehr stoisch. Das Gold darin fraß sich unaufhaltsam durch das Silber.
„Alva.“
Seine Stimme war ein abgrundtiefes Vibrieren, kaum mehr als ein animalisches Raunen, das den Boden unter ihren Knien erzittern ließ. Er kannte ihren Namen. Und in der Art, wie er ihn aussprach, lag nicht ein Funken der Akademie-Disziplin, sondern eine tödliche, unvermeidliche Zusage.
Kapitel 3 :Die Distanz, die tötet
„Alva.“
Ihr Name, gesprochen von dieser Stimme, war kein Wort. Es war eine Naturgewalt. Eine tiefe, vibrierende Frequenz, die den nassen Waldboden unter ihren aufgeschürften Knien erzittern ließ.
Kalter Schlamm sickerte durch den zerschlissenen Stoff ihrer Jeans. Die bitter riechende Dämmerschatten-Wurzel in ihren blutigen Händen fühlte sich plötzlich völlig wertlos an. Sie starrte in die Dunkelheit, in zwei Augen, deren kühles Silbergrau von einem lodernden Gold gefressen wurde.
Doch Ivar Nachtwald war nicht allein gekommen.
Das Knacken von Ästen vervielfachte sich. Schatten lösten sich aus dem massiven Stammwerk der schwarzen Kiefern. Die Temperatur im Wald fiel rapide ab, begleitet von einem animalischen Moschusgeruch, der den Gestank nach feuchter Erde und Verfall beinahe erstickte. Vier schwer bewaffnete Elite-Wölfe der Akademie formierten sich in einem lockeren Halbkreis um sie.
Der Größte von ihnen trat aus der Dunkelheit. Fen Kael.
Selbst hier draußen, im knöcheltiefen Dreck, saß Fens dunkle Akademie-Uniform makellos. Seine Schultern waren bis zum Zerreißen angespannt. Ein Muskel unter seinem linken Auge zuckte unkontrolliert, während sich auf seinen Lippen ein bizarres, hochgradig höfliches Lächeln ausbreitete. Es war das Lächeln eines Mannes, der gleich jemanden in Stücke reißen würde, um die Formulare sauber zu halten.
„Sieh an“, sagte Fen. Seine Stimme war glatt, doch das bedrohliche Knurren dahinter vibrierte in Alvas Brustkorb. „Eine Blutlose jenseits der Barriere.“
Alva presste den Kiefer aufeinander, bis ihre Zähne schmerzten. Ihr Instinkt schrie sie an, sich kleiner zu machen, den Hals zu entblößen, sich zu unterwerfen. Sie bekämpfte diesen primitiven Drang mit purem, ätzendem Hass. Mit zitternden Fingern klammerte sie sich an die giftige Wurzel.
Fen trat einen Schritt näher, das Lächeln wie in Stein gemeißelt. „Du kennst die Regeln des Dämmerbundes. Das Verlassen des Geländes nach Einbruch der Dunkelheit ist ein Kapitalverbrechen. Das Protokoll verlangt sofortige Züchtigung, Alpha.“
Er hob die rechte Hand. An seinen Fingerspitzen verlängerten sich die Nägel zu dicken, schwarzen Krallen, die im fahlen Mondlicht schimmerten.
Alvas Atem ging flach und schnell. Die Fluchtwege kreisten in ihrem Kopf, berechneten Distanzen, rutschiges Laub, den Winkel zur magischen Barriere. Es gab kein Entkommen.
Dann bewegte sich Ivar.
Es war keine schnelle Bewegung. Keine aggressive Geste. Er hob lediglich zwei Finger seiner in schwarzes Leder gehüllten Hand.
Die Wirkung war vernichtend.
Fen erstarrte mitten in der Bewegung. Sein Kiefer klappte hörbar zusammen, das Lächeln gefror. Die restlichen Wölfe im Halbkreis senkten synchron die Köpfe und wichen einen halben Schritt zurück. Die absolute, bedingungslose Unterwerfung unter eine Macht, die so gewaltig war, dass sie keine Worte brauchte.
Ivar trat an Fen vorbei. Sein schwerer schwarzer Mantel strich über die nassen Farne. Der Geruch nach Winterwind, scharfem Ozon und purer Dominanz legte sich wie ein physisches Gewicht auf Alvas Schultern. Er blieb genau vor ihr stehen. Die massiven Spitzen seiner schwarzen Stiefel berührten fast ihre Knie.
„Sieh mich an“, raunte er.
Es war kein Befehl. Es war ein Sog.
Alva hob den Kopf. Der Blickkontakt traf sie wie ein elektrischer Schlag.
Das Gold in seinen Augen brannte mit einer Intensität, die ihr die Luft aus den Lungen presste. In diesem Blick lag keine Akademie-Etikette. Keine kühle Distanz. Da war nur das Raubtier. Ein uraltes, hungriges Wesen, das den Käfig seiner Disziplin für einen Sekundenbruchteil aufgerissen hatte, um sie zu fixieren.
*Meins.*
Die innere Stimme in Alvas Kopf brüllte so laut auf, dass sie die Augen zusammenkneifen musste. Die silbrige Halbmondnarbe auf ihrem linken Schlüsselbein explodierte. Ein sengender, reißender Schmerz fraß sich durch ihr Fleisch, als würde jemand mit einem glühenden Eisen ihre Haut brandmarken. Ihr Puls hämmerte in einem unnatürlichen Rhythmus gegen ihre Rippen – ein Rhythmus, der sich Ivars flachem, schwerem Atem anpasste.
Die Luft zwischen ihnen knisterte. Der Ozongeruch war nun so stark, dass er auf der Zunge schmeckte wie Batterie-Säure. Ivar beugte sich langsam vor. Seine breiten Schultern blockierten den Rest der Welt. Er roch das Blut an ihren zerschnittenen Händen. Er sah das Entsetzen in ihren Augen.
Er hob eine Hand. Sein Lederhandschuh knirschte leise. Er wollte sie berühren.
Nackte, primitive Panik flutete Alvas Verstand.
Wenn er sie berührte, war es vorbei. Wenn diese archaische Macht auf ihre erwachende Natur traf, würde die mühsam aufrechterhaltene Fassade der zynischen, menschlichen Botanik-Studentin in tausend Stücke zerspringen. Sie würde sich verwandeln. Sie würde genau zu dem Monster werden, vor dem sie sich ihr ganzes Leben lang versteckt hatte.
*Ich gehöre niemandem!*
Ihr Verstand setzte aus. Das Adrenalin übernahm.
Alvas rechte Hand, schlammig und blutend, schnellte in die tiefe, ausgebeulte Tasche ihres nassen Wollpullovers. Ihre Finger schlossen sich um eine zerbrechliche Glaskapsel. Die Mischung darin – hochkonzentriertes Capsaicin, gemahlener Quarz und getrocknete Tollkirschen-Sporen – war für den Notfall gedacht. Für arrogante Elite-Studenten. Nicht für einen Alpha.
Sie riss die Kapsel aus der Tasche und zerschmetterte sie mit voller Wucht am Stamm der Kiefer, genau zwischen sich und Ivar.
Eine dichte, blendend weiße Staubwolke detonierte in der Dunkelheit.
Sofort brach Chaos aus. Fen brüllte auf. Ein nasses, würgendes Husten zerriss die Stille, als das aggressive Botanik-Pulver auf die extrem empfindlichen Geruchs- und Sehnerven der Wölfe traf.
Alva wartete nicht. Sie nutzte den Bruchteil einer Sekunde, stieß sich mit brennenden Oberschenkeln aus dem Schlamm ab und rannte.
Sie rannte blind. Äste peitschten ihr ins Gesicht, rissen kleine Schnitte in ihre Wangen, doch sie spürte nichts. Ihr Atem pfiff durch die Zähne. Hinter ihr hörte sie kein Knurren, keine Verfolgung, nur das desorientierte Fluchen der Patrouille. Ivar hatte keinen Laut von sich gegeben. Die Vorstellung seiner lautlosen Präsenz hinter ihr im Dunkeln trieb ihren Puls ins Unermessliche.
Ihre schweren Stiefel rutschten über nasses Moos. Die Konturen des Waldes verschwammen. Da war der alte Steinbogen des Westtors. Die Luft flimmerte bläulich.
Mit einem verzweifelten Hechtsprung warf sie sich durch den unsichtbaren Riss in der magischen Barriere.
Ein statischer Schock raste durch ihre Nervenbahnen. Kaltes Prickeln. Dann schlug sie hart auf dem gepflasterten, sterilen Weg des Campus auf. Der Geruch nach Verfall und Wald riss abrupt ab. Hier roch es nach nassem Stein und den antiseptischen Reinigern der Akademie.
Sie keuchte, rappelte sich sofort wieder auf und rannte weiter. Die gotischen Gebäude der Studentenwohnheime ragten wie schwarze Grabsteine in den nächtlichen Himmel. Niemand war draußen. Die Hustle-Culture der Akademie verlangte, dass um diese Uhrzeit geschlafen oder in den schallisolierten Bibliotheken gelernt wurde.
Alva erreichte die schwere Holztür ihres Wohnheims. Sie drückte sich mit der Schulter dagegen, stolperte in den schwach beleuchteten Flur und schlug die Tür hinter sich zu.
Das Schloss klickte.
Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen das dunkle Holz. Die kalte Feuchtigkeit ihrer Kleidung zog in ihre Knochen. Am anderen Ende des langen, mit billigen Teppichen ausgelegten Flurs tickte die alte Standuhr unerbittlich.
*Geschafft.*
Sie ließ den Kopf gegen die Tür sinken und schloss die Augen. Sie musste die Wurzel säubern. Sie musste einen Tee brauen und die Betablocker überdosieren.
Sie machte einen Schritt weg von der Tür.
Dann traf es sie.
Es kam nicht schleichend. Es traf sie wie der Schlag eines Vorschlaghammers direkt gegen das Brustbein.
Die physische Distanz zu Ivar, die sich mit jedem ihrer Schritte vergrößert hatte, spannte ein unsichtbares, in ihre Seele gebranntes Seil bis zum absoluten Äußersten. Jetzt, geschützt durch Mauern und Magie, schnappte dieses Seil erbarmungslos zurück.
Der Trennungsschmerz der Seelenbindung.
Ein stummer Schrei riss Alvas Kehle auf. Ihre Knie gaben augenblicklich nach. Sie schlug hart auf dem Bodenbrettern auf. Die Luft verließ ihre Lungen in einem erstickten Röcheln. Es fühlte sich an, als hätte jemand eine eiserne Klaue in ihren Brustkorb gerammt und würde nun langsam, genüsslich ihr Herz herausreißen.
Sie krümmte sich zusammen, presste beide Hände auf die pochende, brennende Narbe an ihrem Schlüsselbein. Das goldene Flackern seiner Augen brannte auf der Innenseite ihrer Lider. Der Geruch nach Winterwind war verflogen, und die Leere, die er hinterließ, war ein bodenloser, schwarzer Abgrund. Jede Faser ihres Körpers, jedes verkümmerte Stück ihrer wilden Natur rebellierte gegen diese Trennung.
Ein heftiger Hustenkrampf schüttelte ihren zierlichen Körper. Sie spürte einen widerlichen, metallischen Geschmack auf der Zunge.
Sie drehte den Kopf zur Seite und spuckte auf die hellen Holzdielen des Flurs.
Ein dicker, dunkler Tropfen Blut.
Alva starrte auf das Rot, während ihr Sichtfeld an den Rändern anfing, bedrohlich schwarz zu flimmern. Ihr Körper hielt diesen Schmerz nicht aus. Die Pillen waren nutzlos. Die Distanz war tödlich. Wenn dieser Alpha beschlossen hatte, dass sie sein war, dann würde die bloße Trennung von ihm sie bei lebendigem Leib in Stücke reißen, bevor der Rat der Akademie überhaupt die Chance dazu bekam.
