

Synopsis
Nach dreiundsiebzig Wohnungsabsagen tut Yara Demir etwas Verzweifeltes: Sie unterschreibt den Mietvertrag einer perfekten Berliner Altbauwohnung mit dem erfundenen Namen Johanna Berg. Am nächsten Morgen ist die leere Wohnung vollständig eingerichtet, ein liebevoller Verlobter steht an ihrem Bett – und niemand erinnert sich mehr an Yara. Jeder im Haus behandelt sie wie die makellose Johanna, die sie niemals war. Nur Corvin, der schweigsame Mann aus dem Dachgeschoss mit den bernsteinfarbenen Augen, kennt ihren echten Namen. Während das Gebäude ihre Erinnerungen, Beziehungen und Lebenswege neu schreibt, entdeckt Yara ein System aus Namensmagie, falscher Sicherheit und tödlichen Zeitschleifen. Um ihr Leben zurückzubekommen, muss sie ausgerechnet dem gefährlichsten Mann im Haus vertrauen – dem Einzigen, der jede Version von ihr wiedererkennt.
Kapitel 1 :Der Name, der alles verändert
Das Blut an Yaras linkem Daumen schmeckte nach Eisen und Resignation. Sie kaute gnadenlos auf der ohnehin schon wunden Nagelhaut herum, während der eiskalte Berliner Novemberregen in schrägen, harten Nadeln auf sie niederprasselte. Das Wasser kroch durch den viel zu großen, grauen Vintage-Blazer, durchtränkte den dunklen Rollkragenpullover und legte sich wie ein eisiger Panzer um ihre Schultern.
Vor ihr ragte das Gebäude auf. Ein herrschaftlicher Altbau aus der Gründerzeit, eingeklemmt zwischen den schmutzigen Fassaden eines Viertels, das gerade seinen Charakter an Investoren verlor. Hohe Fenster, aufwendiger Stuck, ein massives Eichenportal, das aussah, als würde es nur Menschen mit einem sechsstelligen Jahreseinkommen Einlass gewähren.
Es war Wohnungsbesichtigung Nummer 73.
Yara spuckte einen winzigen Hautfetzen auf das nasse Kopfsteinpflaster, zog die schweren Combat-Boots nach und betrat das Treppenhaus. Sofort schlug ihr eine Wärme entgegen, die nach Bienenwachs und teurem Raumduft roch. Im Gegensatz zur grauen Hölle draußen leuchtete das Foyer in einem unnatürlichen, warmen Gelbgold.
Ihre nassen Schuhe quietschten peinlich laut auf dem polierten Marmor, als sie die Treppen zur Beletage hinaufstieg. Vor der weit geöffneten Flügeltür stand er bereits. Der Makler. Ein Mann Ende vierzig in einem maßgeschneiderten, nachtblauen Anzug, der sie mit jenem spezifischen Blick bedachte, den Yara in den letzten Monaten hassen gelernt hatte. Es war der Blick eines Türstehers, der bereits entschieden hatte, dass sie heute Nacht keinen Zutritt zum begehrten Club des Überlebens bekam.
Yara zwang ihre zitternden Hände in die Taschen ihres feuchten Blazers, holte tief Luft und zog ihre sorgfältig zusammengestellte Bewerbungsmappe heraus. Schufa-Auskunft, Einkommensnachweise ihrer freiberuflichen Texter-Gigs, Kontoauszüge. Ein Haufen bedrucktes Papier, der beweisen sollte, dass sie ein wertvoller Mensch war.
„Guten Abend“, sagte Yara. Ihre Stimme klang zu rau, zu gehetzt. Sie räusperte sich und reichte ihm die Mappe.
Der Makler nahm das Papier nicht sofort. Sein Blick glitt langsam an ihr herab. Er registrierte die nassen Haarsträhnen, die sich aus ihrem fahrigen Dutt gelöst hatten, klebte eine Sekunde zu lang an den abgewetzten Kappen ihrer Boots und wanderte schließlich mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihren blutig geknibbelten Fingernägeln. Es war eine stumme, präzise Demütigung.
Dann nahm er die Mappe. Er klappte den Deckel auf. Sein Zeigefinger glitt über das Deckblatt. Er hielt inne.
„Demir?“
Das Wort fiel aus seinem Mund wie ein verdorbenes Stück Obst. Er hob den Kopf. Sein Lächeln war schmal, abfällig und endgültig. Er schob ihr die Mappe mit einer langsamen, gleitenden Bewegung zurück.
„Ich glaube, diese Wohnung entspricht nicht ganz… ihren Verhältnissen. Sparen wir uns die Zeit.“
Der Satz traf sie mit der Präzision eines Skalpells. Er hatte nicht einmal ihre Einkommensnachweise angesehen. Ein Blick auf den Nachnamen ihres toten Vaters, ein Blick auf ihre Kleidung, und sie war aus dem System gelöscht. Wieder einmal.
Die Kälte in Yaras Knochen verdichtete sich zu etwas Hartem. Einer Panik, die so massiv war, dass sie ihr die Kehle zuschnürte. Wenn sie heute Abend wieder in ihr provisorisches Zimmer am anderen Ende der Stadt zurückkehrte, würde sie auf der Straße sitzen. Sie hatte keine Reserven mehr. Kein Geld, keine Kraft, keinen Raum mehr in dieser Stadt.
Der Makler wandte sich bereits ab, bereit, die schwere Flügeltür ins Schloss fallen zu lassen.
Etwas in Yara riss. Es war kein sauberes Reißen, sondern das brutale Zersplittern ihres letzten Rests an Selbstachtung. Bevor er die Tür schließen konnte, trat sie vor. Ihr schwerer Stiefel blockierte den Türrahmen mit einem dumpfen Schlag.
Der Makler hielt inne, die Hand noch auf dem Messinggriff. Empörung flackerte in seinen Augen auf, doch bevor er etwas sagen konnte, riss Yara ihm die Mappe wieder aus der Hand. Sie brauchte keinen Bruchteil einer Sekunde, um nachzudenken. Ihr Überlebensinstinkt, dieser zynische, toxische Begleiter, übernahm das Kommando.
Sie griff nach dem goldenen Kugelschreiber, der aus der Brusttasche des Maklers ragte. Ihre Bewegungen waren so schnell und abrupt, dass er instinktiv zurückwich. Mit zitternden, aber brutalen Strichen kreuzte Yara den Namen ‚Yara Demir‘ auf dem Deckblatt durch. Der Stift kratzte tief in das dicke Papier, riss die oberste Schicht auf.
Dann schrieb sie. Zwei Worte. Sauber, gut leserlich, verlogen.
*Johanna Berg.*
Sie kannte keine Johanna Berg. Der Name existierte nicht. Er war ein Konstrukt aus purem, unverfänglichem Durchschnitt. Ein Name, der nach sicherem Einkommen, nach sonntäglichen Brunch-Einladungen und unauffälliger Perfektion klang. Ein Name, den dieser Mann nicht hinterfragen würde.
Atmend, die Brust schwer hebend, drückte sie ihm die Mappe mitsamt seinem Stift zurück gegen die Brust.
„Mein Name ist Johanna Berg“, sagte sie. Ihre Stimme zitterte nicht mehr. Sie war schneidend, kalt und voller Verzweiflung. „Und ich nehme die Wohnung.“
Was dann geschah, ließ das Blut in Yaras Adern gefrieren.
Die Empörung im Gesicht des Maklers verschwand. Sie schmolz förmlich weg. Die Falten auf seiner Stirn glätteten sich, seine Pupillen weiteten sich für einen Sekundenbruchteil so stark, dass das Schwarz seine Iris verschluckte. Als er sie wieder ansah, war da kein Spott mehr. Keine Arroganz.
Stattdessen breitete sich ein warmes, weiches Lächeln auf seinen Lippen aus. Es war zu breit. Zu perfekt. Es erreichte seine Augen nicht, sondern wirkte wie eine Maske, die jemand hastig übergestülpt hatte.
„Natürlich“, sagte er. Seine Stimme hatte einen unnatürlichen, singenden Klang angenommen. „Frau Berg. Wir haben Sie bereits erwartet.“
Er warf keinen weiteren Blick auf die zerkratzte Mappe. Stattdessen griff er in seine Anzugtasche, zog ein schweres Bund mit alten Messingschlüsseln heraus und drückte es in Yaras klamme Hand. Das Metall war unnatürlich heiß.
Bevor Yara auch nur ein Wort der Verwirrung formen konnte, nickte der Makler ihr zu, trat an ihr vorbei ins dunkle Treppenhaus und ließ sie allein auf der Schwelle stehen.
Yara stand wie erstarrt. Das Echo seiner Schritte verklang im Treppenhaus. Niemand unterschrieb blind Verträge. Niemand übergab einfach Schlüssel an eine Fremde. Sie starrte auf das zerkratzte Papier, dann auf das Messing in ihrer Hand. Die absurde Leichtigkeit dieses Triumphs fühlte sich an wie eine unsichtbare Schlinge, die sich um ihren Hals legte.
Doch die Erschöpfung war lauter als die Vernunft.
Yara trat ein. Sie zog die massive Flügeltür hinter sich zu. Das Schloss schnappte mit einem satten, endgültigen Klicken ein.
Die Wohnung war gigantisch. Ein endloses Meer aus blankem Fischgrätparkett, das im fahlen Licht der Straßenlaternen schimmerte, die durch die bodentiefen Fenster schienen. Es gab keine Möbel. Nur den Geruch nach frischer Farbe und einer Kälte, die aus den Wänden zu kriechen schien.
Es gehörte ihr. Johanna Berg gehörte es.
Yara ließ die Schlüssel auf den Boden fallen. Sie trat zwei Schritte in den leeren Raum hinein, dann gaben ihre Knie nach. Sie rutschte an der glatten Wand hinab, bis sie auf dem harten Holzboden saß. Sie zog die Knie an die Brust, schlug den klatschnassen Blazer enger um sich und verbarg das Gesicht in den Armen.
Sie wollte weinen, aber da war nichts mehr. Nur eine gähnende, schwarze Leere. Die Kälte des Parketts drang durch ihre Kleidung, doch es war ihr egal. Die Erschöpfung riss sie mit der Gewalt einer Flutwelle in die Dunkelheit. Der Schlaf kam augenblicklich. Traumlos, schwer und bleiern.
***
Yara atmete ein.
Der Geruch nach nassem Wollstoff und Staub war verschwunden. Stattdessen füllte das tiefe, erdige Aroma von frisch gemahlenem, sündhaft teurem Kaffee ihre Lungen.
Die Kälte war weg. Eine schwere, unglaublich weiche Hitze umhüllte sie.
Yara blinzelte. Das Licht war nicht fahl, sondern warm und golden. Sie starrte an eine makellose Stuckdecke. Sie lag nicht auf dem harten Parkett, sondern sank in eine Matratze ein, die so nachgiebig war, dass es sich anfühlte, als läge sie auf Wolken. Die Decke über ihr war aus cremefarbenem Kaschmir.
Panik schoss in ihre Adern. Sie schreckte hoch.
Die leere, kalte Beletage existierte nicht mehr. Das Zimmer, in dem sie sich befand, sah aus wie ein kuratiertes Set für ein Interior-Magazin. Schwere Samtvorhänge hielten das graue Licht Berlins draußen. Auf einem Beistelltisch brannte eine Kerze, Designerlampen warfen ein weiches Licht auf gerahmte Fotografien an den Wänden. Fotografien von Landschaften, die sie nie besucht hatte.
Ihr eigener Atem ging flach und schnell. Das war unmöglich. Sie hatte die Tür abgeschlossen. Sie war auf dem Boden eingeschlafen.
Ein Geräusch ließ sie herumfahren.
Die Tür zum Schlafzimmer stand offen. Ein Mann lehnte im Türrahmen.
Yaras Herzschlag setzte für eine Sekunde aus. Er war das Personifizierte, was sie nicht besaß. Makellos. Sein blondes Haar fiel in einer perfekten Welle über seine Stirn. Er trug einen weichen, beigen Rollkragenpullover, der sich an seine breiten Schultern schmiegte. Seine Gesichtszüge waren so symmetrisch, dass sie fast wehtaten.
Er hielt eine Tasse Kaffee in der Hand. Als er sah, dass sie wach war, stieß er sich vom Türrahmen ab und kam auf das Bett zu. Er bewegte sich lautlos, fließend, ohne jede Hast.
Yara rutschte instinktiv zurück, bis ihr Rücken gegen das gepolsterte Kopfteil stieß. Ihre Hände krallten sich in die Laken. „Wer sind Sie? Wie kommen Sie hier rein?!“
Der Mann blieb stehen. Er wirkte nicht wütend. Er wirkte nicht einmal überrascht über ihre Panik. Ein sanftes, unglaublich mildes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Es war das Lächeln eines Arztes, der eine verwirrte Patientin beruhigte.
Er stellte die Tasse auf den Nachttisch. Dann beugte er sich über sie. Sein Geruch – sterile, teure Seife und etwas, das eine Nuance zu süß war – hüllte sie ein, erstickte sie fast.
Bevor Yara zuschlagen oder schreien konnte, hob er die Hand. Seine Finger strichen eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Die Berührung war zart, doch sie fühlte sich an wie ein eisiges Brandmal auf ihrer Haut. Er sah ihr direkt in die Augen. Sein Blick war ununterbrochen, puppenhaft starr und von einer liebevollen Intensität, die Yaras Magen umdrehte.
Er senkte den Kopf und drückte seine Lippen sanft gegen ihre Stirn.
„Guten Morgen, meine wunderschöne Johanna“, flüsterte er. Seine Stimme war tief und schmeichelnd, weich wie Seide. Er trat einen halben Schritt zurück, sein Lächeln wurde noch wärmer, noch perfekter. „Alles Gute zu unserem Verlobungstag.“
Kapitel 2 :Eine Verlobung ohne Erinnerung
Yara presste sich so brutal gegen das gepolsterte Kopfteil, dass der Hinterkopf schmerzte. Die sündhaft teure Matratze fühlte sich an wie ein Moor aus ägyptischer Baumwolle, das darauf wartete, sie bei lebendigem Leib zu verschlucken.
Der Fremde ließ die Hand sinken. Seine Fingerspitzen, die gerade noch ihre Schläfe berührt hatten, waren warm gewesen. Zu warm. Kein normales, menschliches Pulsieren, sondern die konstante, sterile Hitze eines Heizkörpers.
„Was hast du mir gegeben?“, stieß Yara hervor. Ihre Lungen pumpten rasend schnell, saugten den Geruch nach Raumduft und gebügeltem Leinen ein. „Gestern war diese verdammte Wohnung leer. Es gab kein Bett. Es gab kein –“ Sie riss den Arm hoch und zeigte auf die schweren Samtvorhänge. „Wo bin ich?“
Julian – oder wer auch immer dieser Mann aus dem Manufactum-Katalog war – blinzelte nicht. Seine blauen Augen lagen ruhig und starr auf ihr. Er wandte sich mit fließender Grazie ab, griff nach einer pastellgrünen Tasse auf dem Nachttisch und hielt sie ihr hin. Aus der Flüssigkeit stieg ein feiner Nebel auf.
„Dein Matcha Latte, Schätzchen. Mit Hafermilch. So, wie er dir an diesen grauen Tagen guttut.“ Seine Stimme vibrierte wie ein tiefes, beruhigendes Cello. „Der Stress in der PR-Agentur setzt dir wirklich zu. Wir haben diese Möbel vor drei Wochen ausgesucht. Erinnerst du dich? Wir haben uns wegen des Beigetons der Vorhänge noch gestritten.“
Er log nicht. In seinem Gesicht zuckte nicht ein einziger Muskel, der auf eine Täuschung hindeutete. Er glaubte jedes Wort, das aus seinem makellosen Mund kam.
Yara starrte auf die grüne Flüssigkeit in der Tasse. Ihr Verstand, geschult durch ein Leben voller Misstrauen und zynischer Wachsamkeit, schrie Alarm. Das hier war kein Überfall. Das war eine komplette Demontage ihrer Realität.
Ein saurer Geschmack stieg in ihrer Kehle auf. Die Panik war nicht mehr nur im Kopf, sie schlug in ihren Magen.
„Mir ist schlecht“, würgte sie heraus.
Ohne auf seine Reaktion zu warten, stieß sie die cremefarbene Kaschmirdecke zurück. Ihre Füße berührten einen flauschigen Teppich, wo gestern noch kaltes Fischgrätparkett gewesen war. Sie taumelte, riss die erstbeste Tür auf, die nach einem angrenzenden Raum aussah, und stolperte hinein.
Weißer Marmor. Blendendes Licht.
Sie warf die massive Holztür hinter sich ins Schloss und drehte den massiven Messingriegel um. Es klickte laut und endgültig.
Yara lehnte sich gegen das kühle Holz und rang nach Luft. Das Badezimmer war riesig, steril und roch nach Eukalyptus. Sie zwang sich, die Augen zu öffnen und in den gewaltigen Spiegel über den Doppelwaschbecken zu sehen.
Ihr Spiegelbild starrte zurück. Das lange braune Haar fiel in weichen, unheimlich perfekt geföhnten Wellen über ihre Schultern. Keine krausen Strähnen. Keine tiefen, dunklen Schatten unter den honigfarbenen Augen. Jemand hatte die Erschöpfung der letzten Jahre aus ihrem Gesicht radiert. Und sie trug keine abgewetzte Kleidung mehr. Der Stoff, der an ihrem zitternden Körper klebte, war ein eisblauer Seidenpyjama.
Ihre rechte Hand fuhr fast unbewusst in die Tasche der Pyjamahose. Hartes Plastik. Ein Smartphone.
Sie riss es heraus. Es war nicht ihr gesprungenes, drei Jahre altes Modell, sondern das neueste, sündhaft teure Gerät. Sie wischte hastig über das Display. Es verlangte keinen Code. Es entsperrte sich sofort.
Ihre Finger flogen über das makellose Glas, öffneten die Kontaktliste.
*Julian.*
*Yoga-Studio.*
*Hausverwaltung.*
*Therapeutin.*
Nichts weiter. Kein Eintrag für ihre Schwester. Kein einziger Demir.
Ein hohes, hysterisches Keuchen entkam ihrer Kehle. Sie wechselte zur Suchmaschine, die Hände zitterten so stark, dass sie sich zweimal vertippte.
*Yara Demir.*
Suchen.
Der Ladekreis drehte sich für den Bruchteil einer Sekunde. Dann spuckte der Algorithmus Ergebnisse aus. Ein Artikel über demografische Entwicklungen. Ein türkisches Rezept. Kein LinkedIn-Profil. Kein Instagram-Account. Keine Erwähnung einer freiberuflichen Texterin in Berlin. Sie war gelöscht. Ein digitaler Geist.
Hastig öffnete sie die Social-Media-App auf dem Startbildschirm. Das Profil trug den Namen *@Johanna_B*. Hunderttausend Follower. Der Feed war ein makelloses Raster aus ästhetischen Pärchenbildern. Julian und sie, lachend in einem Pariser Café. Julian und sie, mit perfekt abgestimmten Outfits in einer Galerie.
Yaras Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Das war ihr Gesicht auf diesen Fotos. Doch die Augen auf den Bildern wirkten leer, gehorsam, ausradiert.
„Nein“, flüsterte sie. „Nein, nein, nein.“
Sie öffnete das Ziffernblatt. Sie kannte die Nummer ihrer Schwester auswendig. Es war die einzige Festnetznummer, die in ihrem Gehirn verankert war, seit sie fünfzehn war. Sie tippte die Ziffern ein und drückte auf Anrufen.
Sie hielt das Telefon an ihr Ohr. Das Freizeichen klang endlos lang. Der Marmor unter ihren nackten Füßen strahlte eine eisige Kälte aus, die langsam an ihren Beinen hochkroch.
*„Ja?“*
Die Stimme war kratzig, genervt. Es war Aylin.
Eine Sturzflut der Erleichterung brach über Yara herein. Ihr Körper zitterte unkontrollierbar. „Aylin! Oh mein Gott, Aylin, hör mir zu. Ich bin in einem Haus fest. Irgendwas stimmt hier absolut nicht. Dieser Makler hat gestern… ich weiß nicht, was passiert ist, aber du musst herkommen. Bitte, du musst mich abholen!“
Stille am anderen Ende der Leitung. Das leise Rauschen der Verbindung fühlte sich an wie feiner Sand im Ohr.
*„Wer ist da?“* Aylins Stimme war scharf. Keine Sorge. Nur Irritation.
Yaras Atem stockte. „Ich bin’s. Yara. Bitte, Aylin, das ist kein verdammter Spaß. Jemand hat mein Telefon ausgetauscht, jemand –“
*„Wer ist da? Das ist kein lustiger Scherz. Ich kenne keine Yara, hören Sie auf anzurufen.“*
„Aylin, warte! Ich bin deine Schwes–“
Ein Klicken. Danach nur noch das monotone Tuten einer toten Leitung.
Yara starrte das Gerät in ihrer Hand an. Die gesellschaftliche und familiäre Auslöschung war absolut. Es war, als hätte man ihr mit einem stumpfen Messer die Existenz aus dem Leib geschnitten. Wenn Aylin sie nicht mehr kannte, dann gab es keine Yara Demir mehr. Die Unterschrift gestern auf dem Deckblatt hatte sie den Makler nicht nur täuschen lassen. Sie hatte einen Vertrag mit der Realität selbst unterschrieben.
Panik. Nackte, animalische Panik schoss durch ihre Adern. Sie brauchte ihre Kleidung. Sie brauchte ihre schweren Boots, ihren übergroßen Blazer. Sie musste raus aus diesem Haus, raus auf die dreckigen Straßen Neuköllns, wo alles einen Sinn ergab.
Sie riss die Tür des Badezimmers auf. Das Schlafzimmer war leer. Julian war verschwunden, nur der warme Matcha dampfte noch leicht auf dem Nachttisch.
Yara rannte auf die gewaltigen, raumhohen Einbauschränke auf der anderen Seite des Zimmers zu. Sie riss die weißen Doppeltüren auf.
Ihr Atem blieb stehen.
Eine endlose Reihe perfekt sortierter, beiger, cremefarbener und zartgrauer Designer-Kleidung hing auf Samtbügeln. Kaschmirpullover, die farblich exakt abgestuft waren. Keine dunklen Stoffe. Nichts Schwarzes. Keine Rüstung. Ganz unten, auf makellos polierten Holzregalen, standen Dutzende Paare filigraner, unpraktischer High Heels. Keine Combat-Boots. Nichts, womit man weglaufen oder zutreten konnte.
Ein erstickendes Gefühl schnürte ihr die Kehle zu. Die Wände des Schlafzimmers schienen plötzlich näher zu rücken. Die Luft war so dick und süß vom Raumduft, dass ihr schwindelig wurde.
Sie musste hier raus. Weg von den Seidenpyjamas, weg von den feinen Schuhen, weg von Julian.
Barfuß stürmte sie aus dem Schlafzimmer, durchquerte einen riesigen, lichtdurchfluteten Wohnbereich, den sie nicht einmal wirklich wahrnahm, und warf sich gegen die massive Wohnungstür. Ihre zitternden Hände fummelten am Türgriff.
Aus der Küche hörte sie Julians weiche Stimme. „Johanna? Schätzchen, wo gehst du hin?“
Die Tür sprang auf. Yara stolperte hinaus in das Treppenhaus.
Die Tür fiel hinter ihr krachend ins Schloss.
Die Kälte des polierten Steins unter ihren nackten Füßen war ein Schock. Doch das Treppenhaus hatte sich verändert. Die Geometrie stimmte nicht. Die Wände schienen sich unmerklich nach innen zu neigen, wie die Rippen eines gigantischen, atmenden Brustkorbs. Das warme Gelbgold der Lampen flackerte leicht, warf Schatten, die unnatürlich lang waren und wie gierige Finger über den Boden krochen. Es herrschte eine dichte, drückende Stille, wie tief unter Wasser.
Orientierungslos wich Yara einen Schritt zurück, bis ihr Rücken an die kühle Wand stieß. Sie schnappte nach Luft, krallte die Hände in den dünnen Stoff ihres Seidenpyjamas.
„Das ist ein Traum“, murmelte sie. „Das ist ein beschissener Traum.“
Ein lautes, hartes Geräusch zerriss die Stille.
*Klack. Klack. Klack.*
Festes Schuhwerk auf Marmor.
Yara riss den Kopf herum.
Direkt vor ihr stand eine Frau. Klein, drahtig, in einen beigefarbenen Trenchcoat gehüllt, der bis zu den Waden reichte. Um ihren Hals hing eine Lesebrille an einer dicken, goldenen Kette. Das Gesicht der Frau war von tiefen, verbitterten Falten durchzogen, die Augen starrten durch Yara hindurch, als sei sie ein besonders lästiger Schmutzfleck auf dem Boden.
In ihren knochigen Händen hielt die Frau ein altes Klemmbrett.
Sie hob einen Kugelschreiber und klickte ihn demonstrativ laut auf. Sie sah nicht zu Yara auf, während sie sprach. Ihre Stimme klang wie trockenes Laub, das über Asphalt kratzte.
„Frau Berg. Unerlaubte Panikattacke auf dem Flur. Das stört die energetische Harmonie des Hauses.“ Der Stift kratzte gnadenlos über das raue Papier auf dem Klemmbrett. „Wird der Hausverwaltung gemeldet.“
Kapitel 3 :Der Mann mit den Bernsteinaugen
Yara ignorierte das monotone Kratzen des Kugelschreibers auf dem rauen Papier. Die Worte der alten Frau im beigen Trenchcoat prallten an der nackten Panik ab, die durch ihre Adern rauschte.
Ohne eine Antwort zu geben, stieß sie sich von der kühlen Wand ab. Sie drängte sich an Frau Möller vorbei, deren strenger Geruch nach Mottenkugeln und abgestandenem Kölnisch Wasser für eine Sekunde in Yaras Nase stach. Ein empörtes Schnalzen erklang hinter ihr, doch Yara hörte es kaum noch.
Ihr Blick war starr auf das geschwungene Geländer des Treppenhauses gerichtet. Sie musste nach unten. Raus auf die Straße. Dorthin, wo der Asphalt schmutzig war, wo es nach nassem Laub und Dönerfett roch. Dorthin, wo die Realität funktionierte.
Ihre nackten Füße klatschten hart auf den eiskalten Marmor. Sie rannte.
Das Gelblicht der Wandlampen flackerte unruhig. Die Stufen schienen unter ihren Fußsohlen wegzugleiten. Zwei, drei Absätze nahm sie im Vollsprint. Ihre Lungen brannten, saugten die staubige, nach altem Holz riechende Luft des Treppenhauses ein. Sie erreichte den nächsten Absatz, wirbelte um die Ecke und stürmte den nächsten Treppenlauf hinab.
Noch ein Absatz. Noch eine Kurve.
Das schwere Holztor musste jeden Moment auftauchen.
Doch als sie die nächste Biegung nahm, prallte sie fast gegen eine Wand. Yara stolperte, ruderte mit den Armen und kam keuchend zum Stehen.
Ihr Herz schlug so heftig gegen ihre Rippen, dass es wehtat.
Vor ihr lag kein Ausgang. Kein Erdgeschoss. Vor ihr lag der Flur der Beletage. Genau dort, wo sie gestartet war.
„Nein“, flüsterte sie. Die Wände schienen leise zu summen, als würden sie vibrieren.
Sie drehte sich um. Das durfte nicht sein. Sie war drei Stockwerke nach unten gerannt. Sie stürzte sich wieder auf die Treppe, klammerte sich an den glatten Holzhandlauf und rannte weiter hinab. Der eiskalte Stein schnitt in ihre Fußsohlen. Sie zählte die Stufen. Fünfzehn. Absatz. Fünfzehn. Absatz. Die Geometrie dieses Hauses war falsch. Die Wände neigten sich in einem perversen, unnatürlichen Winkel über sie, drückten die Luft aus dem Flur.
Wieder riss sie ihren Körper um die letzte Kurve.
Stuckdecke. Goldene Wandlampen.
Eine weit geöffnete, massive Holztür. Daneben ein auf Hochglanz poliertes Messingschild, das sie verhöhnte: *Johanna Berg*.
Ihre Knie gaben nach.
Yara brach auf dem Flurboden zusammen. Der raue Marmor schürfte die Haut an ihren Schienbeinen auf. Sie krallte die Finger in das eisblaue Seidenmaterial ihres Pyjamas und rang verzweifelt nach Luft. Tränen der völligen Erschöpfung und Orientierungslosigkeit brannten in ihren Augen. Sie war gefangen in einer Endlosschleife aus Stein und Stuck. Einem perfekten, unentrinnbaren Albtraum.
Ein leises Schlurfen durchbrach das Summen des Hauses.
Weiche Hausschuhe auf teurem Parkett.
Yara hob den Kopf. Julian stand im Türrahmen. Er trug noch immer diesen makellosen, cremefarbenen Pullover, in dem er aussah wie die fleischgewordene Werbeanzeige für ein sorgenfreies Leben. Kein Hauch von Sorge oder Wut lag auf seinem symmetrischen Gesicht. Nur dieses milde, verständnisvolle Lächeln, das Yara das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Er trat über die Schwelle. Bevor Yara zurückweichen konnte, sank er geschmeidig vor ihr in die Hocke.
Seine Hand schloss sich um ihr Handgelenk.
Der Griff war sanft. Keine Gewalt. Doch die Hitze, die von seinen Fingern ausging, war obszön. Es fühlte sich an, als würde man eine heiße Heizungsröhre berühren – trocken, steril, ohne das winzigste Pochen eines menschlichen Pulsschlags.
„Komm, Schätzchen“, murmelte er in einem Tonfall, den man für ein bockiges Kleinkind reservierte. „Der Marmor ist viel zu kalt für dich.“
Er zog sie auf die Beine. Yaras Körper war viel zu erschöpft, um sich zu wehren. Er führte sie zurück in die Wohnung. Der Raumduft nach weißem Tee und Lilien schlug ihr entgegen wie eine dicke, erstickende Decke.
Als sie den Flur betraten, schloss Julian die Wohnungstür nicht. Er ließ sie sperrangelweit offen stehen. Es war die ultimative Machtdemonstration. Die Geste schrie leise: *Geh nur. Du kommst ohnehin nirgendwohin.*
Yara riss sich aus seinem Griff. Die plötzliche Distanz zwischen ihnen ließ sie für einen Moment klarer denken. Sie taumelte rückwärts durch den gewaltigen Wohnbereich, vorbei an farblich sortierten Couchkissen und teuren Kunstbänden, bis ihr Rücken gegen das kalte Glas der bodentiefen Fenster stieß.
Hier draußen war der Berliner November. Grauer Nebel hing in dichten, schmutzigen Schwaden über dem Hinterhof. Es regnete. Tropfen peitschten gegen das Glas hinter ihr, ein hartes, reales Geräusch in dieser absurden Traumwelt.
Sie drehte sich um und presste die Stirn gegen die Scheibe. Die Kälte des Glases war ein Anker. Sie starrte tief hinab in den Schlund des Innenhofs. Die Wände des Altbaus waren hier hinten nicht saniert, sondern von wildem, dunklem Efeu überwuchert. Es sah aus wie eine Ruine, die von der Natur langsam zurückerobert wurde.
Und dann sah sie ihn.
Unten, im Halbdunkel zwischen überquellenden Papiertonnen und rostigen Fahrrädern, stand ein Mann. Er passte nicht in dieses Haus. Er war das absolute Gegenteil von Julian.
Er war groß, massiv und trug eine abgewetzte, dunkle Lederjacke. Sein Haar war zu lang, dunkel und vom Regen strähnig in die Stirn geklebt. Er beugte sich über den freigelegten Motorblock eines alten, schweren Motorrads. Selbst aus dieser Entfernung strahlte der Mann eine raue, animalische Wucht aus. Jede seiner Bewegungen war effizient und hart. Er zog an einem massiven Schraubenschlüssel, das Metall kreischte leise auf.
Yaras Blick saugte sich an ihm fest. Seine bloßen Hände waren pechschwarz von altem Motoröl. Der Schmutz auf seiner Haut, die abgetragenen schweren Stiefel – all das war so real. So fehlerhaft. So dreckig.
Er war ein Riss in Julians makellosem Gemälde.
Ein Schatten fiel über Yara. Julians Spiegelbild tauchte im Fensterglas direkt neben ihrem auf. Er stand nur eine Handbreit hinter ihr.
„Du musst dich nicht mehr anstrengen, wegzulaufen, Johanna.“ Seine tiefe Stimme strich wie klebriger Honig über ihren Nacken. „Die Welt da draußen macht dich nur krank. Hier drinnen bist du sicher.“
Er hob die Hand, als wollte er ihr über das frisch frisierte Haar streichen.
Yara zuckte zusammen, der Magen drehte sich ihr um. In diesem Moment ließ der Mann unten im Hof den schweren Schraubenschlüssel klirrend auf den nassen Asphalt fallen.
Das Geräusch war scharf genug, um bis in die Beletage zu dringen. Der Fremde richtete sich auf. Er hob den Kopf.
Sein Gesicht war von einem harten, dunklen Bartschatten gezeichnet, die Züge kantig und erschöpft. Und er starrte direkt zu ihr hinauf.
Es war unmöglich. Sie befand sich drei Stockwerke über ihm, getrennt durch Regen und dichten Nebel, durch das dämmrige Licht des Vormittags. Doch Yara spürte seinen Blick physisch, wie einen harten Stoß gegen das Brustbein.
Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte etwas in seinen Augen auf. Ein unnatürliches, leuchtendes Bernsteingelb. Raubtierhaft. Durchdringend. Der Blick schnitt durch den sterilen Nebel der Wohnung, durch Julians klebrige Worte, direkt in Yaras Verstand. Es gab kein Mitleid in diesem Blick. Nur eine stille, düstere Warnung.
Der Fremde fletschte leicht die Zähne – ein lautloses, genervtes Knurren –, bevor er sich den Ölfilm mit dem Handrücken von der Stirn wischte und sich abrupt wieder dem Motorrad zuwandte. Er blendete sie aus.
Doch der Schaden war angerichtet.
Yara stand noch immer am Fenster, Julians Hitze in ihrem Nacken. Aber die lähmende Ohnmacht, die das Haus ihr eingepflanzt hatte, bekam Risse. Dieser Mann da unten kannte Julian nicht. Er war nicht Teil dieser kranken, beige-farbenen Perfektion. Er war wütend, ölig und echt.
Yaras Hände, die eben noch zitternd am Fensterglas geklebt hatten, ballten sich langsam zu Fäusten. Der zynische Überlebensinstinkt, der sie durch unzählige Berliner WG-Castings und leere Bankkonten manövriert hatte, flackerte wieder auf.
Sie war nicht Johanna Berg. Und sie würde dieses Haus bis auf die verdammten Grundmauern niederbrennen, um das zu beweisen.
